Wasserläufer

Wasserläufer ist das aktuelle Romanprojekt, an dem ich gerade arbeite. Ich schreibe es für Menschen, die Geschichten mit jugendlichen Helden mögen. Geschichten mit einem Augenzwinkern angesichts der Widrigkeiten des Lebens. Ich schreibe es für weiße Menschen, die sagen: Rassismus? Was habe ich damit zu tun? Das betrifft mich nicht (so wie Lukas, als er seinem Schwarzen Halbbruder Mo begegnet). Und ich schreibe es für Schwarze Menschen, die erleben müssen, dass sie in diesem Einwanderungsland immer noch als anders und fremd wahrgenommen werden, selbst wenn sie hier geboren wurden (so wie Mo). Ich schreibe es für alle, die sich schon immer einen großen Bruder gewünscht haben (so wie Lukas, in dessen Leben Mo wie aus dem Nichts auftaucht). Und für alle, die schon mal das Vergnügen hatten, ein rotes Miele-Motorrad von 1954 zu fahren.

Der Autor auf den Spuren von Mo und  Lukas – mit dem Roller von Schmallenberg nach Norderney

Der Inhalt von Wasserläufer: Mo ist der Sohn eines somalischen Flüchtlings. Er ist begeisterter Schwimmer, Zimmermannslehrling und lebt in Berlin. Lukas ist Computerfreak, überzeugter Nichtschwimmer und lebt mit seinem Vater in einer verfallenen Villa im Sauerland. Mo und Lukas wissen nichts voneinander. Und doch sind sie untrennbar verbunden, denn sie haben dieselbe Mutter. Diese Mutter ist spurlos verschwunden.

Als sich Mos Vater das Leben nimmt, erfährt Mo aus seinem Abschiedsbrief von Lukas. Mit dem alten Motorrad seines Vaters fährt er von Berlin ins Sauerland, um Lukas zu suchen. Zwei Welten prallen aufeinander, es rumpelt ganz gewaltig zwischen den beiden, und es dauert eine Weile, bis sich Lukas und Mo zusammengerauft haben.

Doch dann spielt ihnen der Zufall eine Spur ihrer Mutter in die Hände und die ungleichen Brüder machen sich mit dem Motorrad auf die Suche. Auf ihrem turbulenten Roadtrip überfallen sie aus Versehen eine Bank (ohne dabei Geld zu erbeuten), sie schreiben Gedichte (ohne davon sentimental zu werden), sie übernachten auf einem Friedhof (ohne vor Angst zu sterben). Und immer wieder verpassen sie ganz knapp ihre Mutter.

Nach einem wahren Kaleidoskop skurriler, amüsanter und aufregender Erlebnisse, erreichen sie Norderney. Am Ende bringt Mo seinem Bruder in der Nordsee das Schwimmen bei.

Die drei Hauptschauplätze des Buches: Berlin, Sauerland, Norderney:

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Wasserläufer

1. Das rote Motorrad

Der Tag, an dem Baba das rote Motorrad anschleppte, war der achtzehnte Jahrestag von Julias Verschwinden. Es war ein warmer Sommertag, eigentlich viel zu schön, um in der Bude rumzuhängen und sich mit Kraftübungen zu quälen, aber ich hatte einen Deal mit mir selbst gemacht: eine eiskalte Cola, wenn ich mein Trainingsprogramm trotzdem durchziehen würde. Zweiundsiebzig Liegestütze hatte ich schon hinter mir und noch achtundzwanzig weitere vor mir, da klingelte es an der Tür. Es war kein gewöhnliches Klingeln. Es war ein Mach-sofort-auf-es-ist-dringend-Klingeln. Ich erstarrte mitten in der Bewegung, die Arme gestreckt, ein Schweißtropfen fiel von meiner Nase und landete zwischen meinen Händen auf dem Boden. Musste das sein? Ausgerechnet jetzt?

Ich hatte mit dem Krafttraining angefangen, nachdem mich drei Faschos in der U-Bahn angepampt hatten: Steh auf, du Schimpanse, du nimmst anständigen Deutschen den Sitzplatz weg. Na los, verpiss dich, geh zurück in den afrikanischen Saustall, aus dem du gekommen bist.

Ich war noch nie in Afrika gewesen. Mein ganzes Leben hatte ich in Berlin verbracht. Berlin war eine coole Stadt, ich fühlte mich wohl in diesem Mischmasch von Menschen aus allen Ecken dieser Welt. Hier gab es Türken, Vietnamesen, Russen, Italiener, auf der Straße hörte ich Sprachen, die ich noch nie gehört hatte, und wenn ich wollte, konnte ich mich problemlos einmal rund um den Globus essen. Aber es gab natürlich auch Omis, die ihre Tasche fester hielten, wenn ich als Schwarzer neben ihnen an der Ampel stand. Und es gab Faschos, die mich zurück nach Afrika schicken wollten.

Ich hatte mir vorgestellt, dass ich durch mein hammerhartes Training in wenigen Wochen Gewichtheberschultern und Oberarme wie ein Boxer bekommen würde und dass die Faschos in der U-Bahn einen Bogen um mich machen würden, wenn sie meine Muskelpakete sahen. Letzte Woche hatte ich mir Tipps von Holger aus dem zweiten Stock geholt. Er hatte sich meine Arme angeguckt und meinen Oberkörper und dann bekümmert den Kopf geschüttelt. Mannmannmann, hatte er gestöhnt. Ich dachte, du machst eine Lehre als Zimmermann. Und dann bist du doch auch noch im Schwimmverein, oder?

Na ja, das mit dem Schwimmen hatte ich in letzter Zeit ein bisschen vernachlässigt. Jedenfalls hatte Holger mir ein Trainingsprogramm für Zuhause zusammengestellt: vier Mal die Woche eine halbe Stunde Liegestütze, Crunches, Planks, Kniebeugen, Dips, dazu drei Mal die Woche Lauftraining – das war der Plan. Das Blöde war nur, dass mir dauernd irgendwas dazwischenfunkte: Baba rief zum Essen, Erhan wollte mit mir im Park abhängen, im YAAM lief ein cooles Reggaekonzert. Oder es klingelte an der Tür. Kein Wunder, dass das Ergebnis bis jetzt reichlich mager ausfiel. Ich musste schon genau hinsehen, um mir einzureden, dass mein Kreuz einen Hauch breiter geworden war und meine Oberarme eine Spur kräftiger. Im Großen und Ganzen hatte ich immer noch den gleichen schlanken, sehnigen Körper, den ich schon immer gehabt hatte, sehr schmal und sehr lang – ideal, um wegzulaufen. Aber nicht besonders ideal, wenn es darum ging, irgendwelchen Faschos in der U-Bahn was aufs Maul zu geben.

Es klingelte noch mal, dann wurde gegen die Tür gehämmert. Auf dem Weg durch den Flur wischte ich mir den Schweiß von Stirn und Brust und hängte mir das Handtuch über die nackten Schultern. Im Vorbeigehen warf ich einen kurzen Blick in den Flurspiegel, dann öffnete ich.

Vor der Tür drängten sich sieben oder acht Gestalten und umringten ein vorsintflutliches Motorrad. In der Mitte stand Baba, seine Hände ruhten auf dem Lenker. Er sah aus, als hätte er allen Ernstes vor, diesen Schrotthaufen in unsere Wohnung zu schieben. Babas Eskorte bestand aus den üblichen Verdächtigen, die bei schönem Wetter immer unten im Hof abhingen: Ganz rechts ragten Holger und Tamara auf, die Inhaber von Tamaras Powerhouse, einem Fitnessstudio irgendwo in Kreuzberg oder Neukölln. Vor ihnen stand der winzige Sergio aus der Wohnung nebenan, genannt il nano, er hatte die Augenbrauen bis zum Anschlag hochgezogen und sah mich an, als müsste ich beim Anblick dieser schrägen Versammlung mindestens in Ohnmacht fallen. Links vom Motorrad grinste mir mein Freund Erhan entgegen, der mit seinen Eltern und seiner wahnsinnig hübschen Schwester Hediye in der Wohnung unter uns wohnte. Dahinter funkelten mir aus einem schwarzen Gesicht die Augen von Yola entgegen. Sie war Journalistin, fuhr eine Motoguzzi und wohnte im dritten Stock rechts. Ganz links stand Saad, der Apotheker. Er hatte die größten Ohren des Universums. Sie ragten unterhalb der spiegelglatten Glatze rechts und links aus seinem Kopf heraus wie die Aufhänger für den gigantischen Rauschebart, der den Rest seines Gesichts bedeckte.

Diese Irren mussten Baba geholfen haben, das Monstrum in den fünften Stock zu schleppen. Allein hätte er das nie geschafft, die ganzen Treppen rauf. Dafür war dieser Blechhaufen viel zu schwer. Und Baba war zu klein und zu schmal. Er schnaufte ja schon wie ein asthmatisches Eichhörnchen, wenn er mit dem Einkauf vor unserer Tür ankam. Er war eben nicht mehr der Jüngste. Der größte Teil seines Kopfes war bereits kahl und der Bart, der sein Gesicht einrahmte, war graumeliert.

„Sie haben es mir geschenkt, Mohamed“, flüsterte Baba und sah mit weit aufgerissenen Augen zu mir auf.

Ich verzog das Gesicht. „Baba, was soll das?“ Er wusste ganz genau, wie ich es hasste, wenn er mich Mohamed nannte. Alle sagten Mo zu mir, auch mein Vater. Mohamed sagte er nur, wenn er mit mir schimpfte. Oder wenn er etwas sehr Wichtiges zu sagen hatte. Auf seinem kastanienbraunen Schädel glitzerten Schweißperlen, unter den Achseln hatten sich auf seinem karierten Hemd dunkle Flecken gebildet. „Kannst du dir das vorstellen? Geschenkt. Einfach so. Wir wissen nicht, wem es gehört, haben sie gesagt. Nimm es mit, das alte Ding. Ich habe es den ganzen weiten Weg bis hierher geschoben.“

Schon seit Wochen faselte mein Vater von dem roten Motorrad. Er hatte es im Keller der Schule entdeckt, im hintersten Winkel. Baba hatte die Rektorin darauf angequatscht, sie wusste von nichts. Er hatte sämtliche Lehrer damit genervt, den Sozialarbeiter, sogar die Leute von der Putzkolonne. Niemand konnte ihm sagen, wo das verstaubte, mit Spinnweben überzogene Ding herkam. Natürlich hatte er höflich und vorsichtig gefragt, denn er war ja nur der Hausmeister der Schule. Noch dazu ein Hausmeister mit dunkelbrauner Haut, der in ständiger Angst lebte, irgendetwas falsch zu machen und seine Stelle zu verlieren. Manchmal sagte er so was wie: Weißt du, Mo, ich kann froh sein, dass sie mir den Hausmeisterjob an dieser Grundschule gegeben haben. Auch wenn ich natürlich viel lieber als Lehrer arbeiten würde. So wie in Somalia. Aber hier in Deutschland ist die Stelle als Hausmeister schon ein großes Glück für mich.

Vor ein paar Wochen hatte er dann im Keller das Motorrad entdeckt. Er war ganz aufgeregt von der Arbeit zurückgekommen. Baba hatte sich unsterblich in die alte Karre verliebt und in seinem Kopf hatte sich die Idee festgesetzt, eines Tages mit dieser Maschine zur Schule zu fahren.

„Mach doch mal bitte den Küchentisch frei, Mo“, sagte Baba mit singender Stimme und schob das rote Ungetüm durch die Wohnungstür in unseren Flur. So gut gelaunt hatte ich ihn lange nicht mehr gesehen.

„Leg die alte Plastikdecke auf. Und zieh dir was an.“ Er bog mit der Maschine nach links in Richtung Küche ab, die anderen Hausbewohner folgten ihm in einer erwartungsfrohen Prozession.

2. Küchengetümmel

Als der ganze verrückte Haufen in unserer winzigen Küche versammelt war und die Maschine bestaunte, die wir auf dem Küchentisch aufgebockt hatten, war es so voll, dass sich die Wände nach außen bogen.

„Schöne Maschine“, murmelte Holger, er beugte sich mit seinem Kastenkopf über das Motorrad und strich mit seiner Bratpfannenpranke erstaunlich zärtlich über den roten Tank. Neben ihm stand Tamara. Sie hatte die Arme unter ihrem Wahnsinnsbusen verschränkt und musterte das Motorrad skeptisch. „Männerspielzeug“, zischte sie und schüttelte den Kopf.

Ich lehnte neben Erhan an der Fensterbank. Von der Seite raunte er mir zu: „Wieso habt ihr Scheißbimbos eigentlich so ein Scheißglück? Einem Türken schenkt kein Arsch ein Motorrad. Es ist so ungerecht, Alter.“

„Wenn Baba das Teil zum Laufen kriegt, dann nehme ich dich vielleicht mal hintendrauf mit, Kanake“, raunte ich zurück.

Ein Motorrad, das war schon lange mein Traum. Ich hatte mit achtzehn sofort meinen Schein gemacht und einen Helm hatte ich auch schon. Er war mattschwarz und zwei Nummern zu groß, weil er sonst nicht über das Gestrüpp aus schwarzen Locken gepasst hätte, das in alle Richtungen von meinem Kopf abstand.

„Das wär verdammt cool, Alter.“ Erhan warf mir einen Seitenblick zu. „Stell dir das mal vor, Mann: Wir zwei kreuzen mit diesem Gerät vorm YAAM auf.“ Er hatte die linke Augenbraue hochgezogen.

„Ein Haufen Schrott ist das, mamma mia“, säuselte Sergio aus der Wohnung nebenan mit seiner hohen Stimme und schüttelte bekümmert den Kopf. „Kannst du gleich ins Museo bringen. Oder zum Schrottplatz.“

„Blödsinn“, widersprach Baba und tätschelte den vorderen der beiden schwarzen Gummisättel, als läge er auf dem Rücken eines edlen Rennpferdes. „Die Karre mach ich wieder flott, ihr werdet schon sehen. In unserem Dorf in Somalia haben wir noch ganz andere Leichen zum Leben erweckt. Ich hab da schon so ein paar Ideen, warum dieses Schätzchen nicht anspringt. Als Erstes werde ich mir mal den Vergaser vornehmen.“

„Wie jetzt?“ Yola zog die Stirn kraus und sah zwischen Baba und mir in und her. „Du willst die Maschine hier in der Küche reparieren? Was sagst du denn dazu, Mo?“

„Ist schon okay“, antwortete ich. „Jedenfalls wenn ich sie hinterher auch mal fahren darf.“

Yola schnaubte und sah mich an, als hätte ich sie nicht alle auf der Latte. Irgendwie war sie mir unheimlich. Vielleicht weil sie studiert hatte. Oder wegen ihrer Guzzi. Oder wegen ihrer funkelnden Augen. Was weiß ich?

„Guck mal.“ Yola strich sich ihre schwarzen Locken aus dem Gesicht, während sie sich vorbeugte und das geprägte Messingschild am Tank inspizierte. „Es ist eine Miele. Genau derselbe Schriftzug, wie auf meiner Waschmaschine. Und Staubsauger bauen die auch. Aber ein Motorrad von Miele? Die Karre ist garantiert steinalt.“

„Seht euch das hier mal an.“ Baba setzte seine Lesebrille auf, steckte seinen Kopf halb unter die Maschine und zeigte auf das Typenschild, das dort angebracht war. „Hersteller: Miele-Werke. Baujahr 1954. Mo, dein Großvater ist 1954 zur Welt gekommen. Mein Vater – Allah sei seiner Seele gnädig.  1954, das ist ein guter Jahrgang.“

Es klingelte, und ich öffnete die Tür. Es war Hassan, Erhans Vater. Er wollte seinen Sohn zum Essen holen. Aber als er die Maschine sah, hatte er schnell vergessen, weshalb er gekommen war. „Wie schnell fährt die denn?“, wollte er wissen, und alle versuchten, einen Blick auf den Tacho zu erhaschen, der in den rot lackierten Scheinwerfer eingelassen war. Sergio stellte sich auf die Zehenspitzen, während Holger sich herunterbeugen musste und dabei ein herablassendes Grunzen ausstieß: „Neunzig Sachen. Bisschen lahm, oder?“ Als sich kurz darauf auch noch Aylin, Erhans Mutter, und die schöne Hediye in unsere Küche gequetscht hatten, waren mehr Bewohner dieses Mietshauses in unserer Küche versammelt als je zuvor.

„Pass bloß auf, amico mio.“ Sergio wies mit dem Kopf auf die Maschine. „Motorradfahren ist sehr gefährlich.“

„Über das Wasser laufen ist auch gefährlich“, hielt Yola schmunzelnd dagegen und gab Baba einen Stups mit dem Ellbogen.

„Jetzt hör bloß auf mit dieser alten Sache.“ Baba machte eine abwehrende Handbewegung. „Das ist doch alles Blödsinn, ich bin nicht übers Wasser gelaufen. Wenn hier jemand übers Wasser laufen kann, dann vielleicht Mo.“ Er warf mir einen Blick voller Vaterstolz zu. „Als er noch an Meisterschaften teilgenommen hat, da ist er allen anderen davongeschwommen. Barrakuda haben sie ihn genannt. Die Pokale und Medaillen passen kaum noch in sein Zimmer …“

„Baba, das nervt“, unterbrach ich ihn. Erstens übertrieb er. Und zweitens hatte ich schon vor einer ganzen Weile mit den Wettkämpfen aufgehört. Aber für Baba war es schon immer ein Wahnsinnsding gewesen, dass ich ein guter Schwimmer war. Ich glaube, das lag daran, dass er selbst nicht schwimmen konnte. In der Gegend, aus der er kam, war Wasser so selten, dass es weit und breit nicht genug davon gab, um darin schwimmen zu können. Er hat mir mal erzählt, dass er in Somalia die Wasserläufer beobachtet hat, wenn er mit seinen Kanistern an der Wasserstelle saß. Er war ganz begeistert von diesen kleinen, sechsbeinigen Insekten, die so leicht waren, dass sie über das Wasser gehen konnten. Einmal sagte er zu mir: Weißt du, Mo, manchmal habe ich mir vorgestellt, dass ich ein Wasserläufer wäre. Dass ich einfach über das Meer laufen könnte, irgendwohin, wo Frieden herrscht, wo niemand hungern muss. Und wo es sauberes Wasser im Überfluss gibt. Wo du es nicht stundenlang durch die Gluthitze schleppen musst, wo du nur auf einen Knopf drücken musst und das Wasser rieselt auf dich nieder wie ein warmer Regen. Dorthin, wo die Menschen an einen Gott glauben, dessen Sohn über das Wasser laufen kann. Wie ein Wasserläufer.

Dabei liebte Baba sein Land über alles. Seine Augen leuchteten, wenn er mir von den Bergketten im Norden Somalias erzählte, die aussahen wie der Rücken eines Drachens. Und vom Shimbiris, mit 2450 Metern die höchste Zacke dieses Drachenrückens. Stell dir nur vor, sagte er, kein anderes der vierundfünfzig Länder Afrikas hat eine so lange Küste wie Somalia. Fast 3900 Kilometer. Die Küstenlinie hat eine Form wie das Horn eines Nashorns, und an der Spitze liegt Kap Guardafui, der östlichste Punkt Afrikas. Wusstest Du, dass Somalia das Land der Poeten genannt wird? Die Nomaden können zauberhafte Märchen und Legenden erzählen. Und Nuruddin Farah ist ein großartiger Schriftsteller, ich habe fast alle seiner Bücher gelesen. Somalia ist das Land, von dem ich träume.

Aber Baba hat mir auch von anderen Dingen erzählt, die in seinem Heimatland passiert sind, von Unruhen und verfeindeten Clans, von Korruption und Dürren, von Kämpfen um Nahrung, Wasser, Land. Weißt du, wie man sich in Somalia begrüßt? sagte er. Man begrüßt sich mit der Frage: Ma nabad baa? Herrscht Frieden? Und die Antwort darauf ist: Waa nabad. Es herrscht Frieden. Aber leider herrschte in Somalia meistens mehr Krieg als Frieden.

Baba musste schreckliche Dinge erlebt haben, aber er sprach nicht darüber. Das Einzige, was ich aus ihm herausbekam, waren ein paar sparsame Sätze zu seiner Flucht: Irgendwann war es so schlimm geworden, dass mein Bruder und ich uns schweren Herzens entschlossen haben, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen. Das Boot, in das wir nach monatelanger Flucht durch halb Afrika stiegen, war voll mit Menschen, die nicht schwimmen konnten. Viel zu voll. Es sank kurz vor der italienischen Küste und mein Bruder ertrank, genauso mein Cousin und mein Onkel. Auch ich ging unter in den Fluten. Als ich die Augen wieder aufmachte, lag ich an Deck eines italienischen Fischerbootes und konnte nicht glauben, dass ich überlebt hatte. Als einziger. Kannst du dir das vorstellen, Mo?

Alle im Haus kannten Babas Geschichte, angefangen von den Wasserläufern, die er in Somalia beobachtet hatte, bis dahin, dass er den Untergang des Bootes überlebt hatte, obwohl er gar nicht schwimmen konnte. Das hatte ihm den Spitznamen Wasserläufer eingetragen. Bei mir hatte es dazu geführt, dass ich mich mit zwölf im Schwimmverein anmeldete habe. Ich hatte trainiert wie ein Wahnsinniger. Vor allem Langstrecke. Ich wollte in der Lage sein, an Land zu schwimmen, falls ich irgendwann mal mit einem Boot kentern sollte.

Holgers tiefe Stimme dröhnte durch unsere Küche: „Du musst dir’n guten Helm besorgen, bevor du die Maschine fährst.“

„Einen Helm habe ich schon, wartet mal.“ Baba drängte sich zwischen den anderen durch und kam kurz darauf mit einem Armeehelm auf dem Kopf zurück. Er sah damit aus wie ein Maulwurf.

„Vom Flohmarkt“, sagte er, und alle brachen in schallendes Gelächter aus.

Mitten in dieses Gelächter hinein rief Aylin: „Ach, du meine Güte, das Essen.“ Sie zog Hediye hinter sich her und drängte sich an Holger und Baba vorbei aus unserer Küche. Aus dem Flur rief sie: „Hassan, Erhan. Kommt runter, sofort.“

„Viel Glück mit der Maschine.“ Holger schlug Baba mit seiner Pranke auf die Schulter. Dann nickte er Tamara zu und die beiden düsten ab. Und auch Saad murmelte sich etwas in seinen schwarzen Bart, zupfte an einem seiner Riesenohren und verschwand auf seine leise, bescheidene Art aus unserer Küche.

Kurz darauf verzogen sich auch Yola und Sergio.

3. Der Jahrestag

Als alle Hausbewohner abgezogen waren, verkrümelte ich mich in mein Zimmer und machte mich an meine restlichen Liegestütze und an die anderen Übungen, die zu meinem Trainingsprogramm gehörten. Die ganze Zeit rechnete ich damit, dass mir wieder irgendwas dazwischenkommen würde, aber es passierte nichts. Erst als ich gerade meine allerletzten Sit-ups machte, hörte ich Babas Stimme im Flur: „Abendessen!“

Wenig später saßen Baba und ich am Küchentisch. In der Luft hing eine Wolke aus Pfefferminztee, Reifengummi und Benzin, Baba hatte die Teller, das Fladenbrot, die Oliven und den Käse rings um das Motorrad verteilt, so gut es ging. Ich saß mit meiner eiskalten Cola am Kopfende und hatte den Vorderreifen vor der Nase. Baba war schweigsam, das fiel mir sofort auf. Während er aß, seufzte er immer wieder. Wo war seine gute Laune von vorhin geblieben, als er freudestrahlend das Motorrad in die Küche geschoben hatte? Plötzlich kam es mir so vor, als ob die alte Karre nicht mehr war als ein kleiner roter Farbklecks in einem insgesamt eher düsteren Gemälde.

Ich räusperte mich und als er daraufhin aufblickte, sagte ich: „Hey, was ist los mit dir?“

Anstelle einer Antwort holte er eine Flasche Schnaps und zwei Gläser aus dem Schrank. Er schenkte uns ein, dann nahm er mit einem weiteren Seufzer sein Glas, drehte es zwischen den Fingern und schaute hinein. „Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist?“, sagte er leise und blickte auf. Die Sorgenfalten, die das Leben zwischen seinen Augenbrauen in sein schwarzes Gesicht gegraben hatte, vertieften sich. Baba sah immer ein bisschen so aus, als ob ihn irgendwas bedrückte. Selbst wenn er gut drauf war. Aber jetzt, als er mit dem Glas in der Hand vor mir saß und mich anschaute, kam er mir vor wie jemand, der unerträgliche Zahnschmerzen hatte.

Ich wusste nicht, was er meinte. Was für ein Tag sollte heute sein? Erst als sein Blick zu dem gerahmten Foto neben unserem Kühlschrank wanderte, dämmerte es mir: Heute war der Jahrestag von Julias Verschwinden. Schon wieder dieses Thema, hörte das denn nie auf? Achtzehn Jahre war sie jetzt weg, damals war ich nicht mal anderthalb gewesen. Ich konnte mich nicht an meine Mutter erinnern. Aber Baba hatte schon so viel von ihr erzählt, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie gut gekannt zu haben.

„Auf Julia!“ Baba hob sein Glas und sah mich an.

Ich schob das Glas weg und steckte meine Hände unter die Oberschenkel. „Ich trinke nicht auf sie.“ Es ging mir auf den Geist, wie Baba sie immer noch anhimmelte. Baba hatte mir erzählt, dass Julia von jetzt auf gleich abgehauen war, einfach so, nur mit einem Koffer voll Klamotten. Kein Abschied, keine Erklärung, kein einziges Wort. Und obwohl Baba in all den Jahren alles Mögliche unternommen hatte, um sie wiederzufinden, war sie bis heute wie vom Erdboden verschluckt. Trotzdem war Baba immer noch felsenfest davon überzeugt, dass sie eines Tages wieder auftauchen würde. An dieser Idee hielt er sich fest wie an einem Rettungsring.

„Komm schon, Mo.“ Babas linke Hand umfasste mein Handgelenk, mit der anderen griff er nach der geprägten Silbermünze, die an einem Lederband um seinen Hals hing. Er hatte sich diese Münze umgebunden, bevor er sich vor zwanzig Jahren auf die lange und gefährliche Reise nach Europa gemacht hatte. Und er hatte sie seitdem nicht wieder abgelegt. Immer wenn es irgendwie brenzlig wurde, beschwor Baba den Zauber dieser Münze herauf, indem er sie berührte.

„Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Wenn sie eines Tages zu uns zurückkommt, werden wir erfahren, was passiert ist.“ Er beugte sich vor, sein Atem roch nach Alkohol. „Mo, du musst lernen zu verzeihen. Glaub mir, es ist besser so. Ich spreche aus Erfahrung. Du weißt ja, was wir in Somalia sagen: Ein Mann, der ein Jahr älter ist als du, ist auch ein Jahr klüger als du. Also, hör auf deinen alten Vater. Na los, stoß mit mir auf deine Mutter an.“ Er hielt mir das Glas hin.

Ich wollte nicht. In meinen Schläfen fing es wie wild an zu pochen, eine Scheißwut kochte in mir hoch. Und Babas Versuche, sie in Schutz zu nehmen, machten es nur noch schlimmer. Genauso wie sein idiotischer Glaube an ihre Rückkehr.

Ich schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, irgendein Blechteil des Motorrads schepperte. „Du kapierst einfach nicht, was mein Problem ist!“

Babas linke Augenbraue wanderte zwei Zentimeter nach oben, die darüber liegende Partie seiner Stirn legte sich in Falten. „Dann erklär’s mir. Was ist dein Problem?“

Ich holte Luft. Wie sollte ich es ihm klarmachen? Mit beiden Händen umklammerte ich die Sitzfläche des Stuhls, hunderttausend komische Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Nach einer Weile sagte ich: „Ich fühle mich irgendwie … verloren. So als ob ich nicht dazugehöre.“

Babas Augenbraue rutschte wieder runter, dafür kräuselte sich die Stelle am oberen Ende seiner Nase umso stärker. „Verloren“, wiederholte er und sah mich kopfschüttelnd an.

Ich nickte. Ich war in Berlin geboren und hier zur Schule gegangen, hier machte ich meine Lehre, ich hing mit meinen Freunden ab, mit Deutschen, Türken, Polen, was auch immer und stand auf die gleichen Mädchen wie sie. Ich vergaß, dass mein Vater aus Somalia kam und dass ich anders aussah als die meisten anderen Menschen in dieser Stadt. Ich vergaß es, bis mich irgendwo im Supermarkt oder auf der Straße dieser ganz spezielle Blick traf. Ein Blick, der mich oft nur kurz streifte und der sagte: Du bist anders. Ein Blick, gegen den ich mich nicht wehren konnte, weil ich mir nie ganz sicher war, ob ich mir das nicht alles nur einbildete. Dieses kurze Staunen, das mir begegnete, wenn ich den Mund aufmachte und ohne jeden Akzent deutsch sprach. Und dann die Frage, wo ich herkam. Als ob ich ein Fremder sein musste, nur weil meine Haut dunkel war. Als ob man entweder schwarz oder deutsch sein konnte. Es war, als würde ich durch eine Menschenmenge gehen, und immer wieder rempelte mich irgendwer an und gab mir zu verstehen, dass ich nicht zu dieser Menge dazugehörte. So als ob ich mich von außen hineingemogelt hatte. Ich fragte mich, ob meine Mutter die gleichen fragenden, skeptischen Blicke abbekommen hatte, als weiße Frau an der Seite eines schwarzen Mannes. Wie war das für sie gewesen, die Vorbehalte mitzuerleben, die Baba abkriegte? Hatte sie das alles irgendwann nicht mehr ausgehalten, war sie abgehauen, weil Baba schwarz war? Hatte sie vielleicht einfach ein ganz normales weißes Leben führen wollen, hier in diesem weißen Land, aus dem sie stammte?

„Ich weiß nicht, wo ich hingehöre“, murmelte ich. „Es fühlt sich an, als wäre ich gar nicht richtig da.“

„Jetzt pass mal auf, Mo.“ Baba beugte sich vor und deutete mit dem vollen Glas auf mich. „Natürlich bist du da. Du bist Mohamed Abdi Sharif, geboren vor neunzehn Jahren in Deutschland, als Sohn eines somalischen Flüchtlings und einer deutschen Krankenschwester. Deine Haut hat die Farbe von schwarzem Kaffee, in den jemand einen Schuss Milch reingekippt hat.“ Baba grinste, seine weißen Zähne strahlten. „Der schwarze Kaffee, das bin ich. Und Julia ist die Milch. Herausgekommen bist du, eine duftende, köstliche Tasse Café au lait. Du rennst wie ein Windhund, du schwimmst wie ein Barrakuda und du bist eigensinnig wie ein Esel. Auf deinem Kopf wächst ein Nest aus schwarzen Kräusellocken, so groß, dass bequem ein Storch darin nisten könnte. Du machst eine Lehre als Zimmermann, die Mädchen rennen dir hinterher und manchmal siehst du ein bisschen viele Gespenster. Und jetzt kommt das Beste: Dein Vater liebt dich über alles. Also, was willst du mehr? Auf dich!“

Baba kippte den Schnaps runter.

Er redete es klein, so wie immer. Es war zum Kotzen. Baba kapierte einfach nicht, dass sein süßliches Gesäusel so war, als würde er mir eimerweise Vanillepudding vorsetzen. Konnte er mich nicht ein einziges Mal ernstnehmen? Und dann fing er auch noch an mit kaffeebraun und so. Ich bekam Ausschlag, wenn Schwarze von irgendwelchen Weißen als kaffeebraun bezeichnet wurden. Als wären wir immer noch die kaffeebraunen Sklaven, die auf Plantagen irgendwo in Afrika die Bohnen für den Kaffee ihrer Kolonialherren pflückten. Baba war das alles egal. Er merkte gar nicht, wie sie ihn runtermachten. Und wie er sich selbst klein machte. Ich beugte mich vor und blaffte ich ihn an: „In meinem deutschen Pass steht aber nicht Mohamed Abdi Sharif. Da steht Mohamed Harms.“

„Das ist eine reine Formsache. Es hat mit den deutschen Gesetzen zu tun.“ Er leerte das Glas in einem Zug. „Dass Julia weggegangen ist, das ist bestimmt schlimm für dich. Ich verstehe, dass sie dir fehlt, Mo. Und ich verstehe auch, dass du dich fragst, wo dein Platz in dieser Welt ist.“

„Gar nichts verstehst du. Dir fehlt Julia. Aber mir fehlt was ganz anderes! Du bist in Somalia geboren und aufgewachsen. Das ist deine Heimat. Wenn du wolltest, dann könntest du zurück. Aber ich kann das nicht. Ich bin zur Hälfte Somalier, aber ich bin nie dort gewesen. Und zur anderen Hälfte bin ich Deutscher und werde hier immer wieder behandelt wie ein Fremder. Ich hänge dazwischen, verstehst du das nicht?“

Baba wich meinem Blick aus, er seufzte schwer, dann kippte er einen weiteren Schnaps. Ein dumpfes Schweigen waberte durch unsere Küche und mischte sich mit dem Geruch, den das Motorrad verströmte. Ein weiteres Mal füllte er das Glas und trank es leer, mittlerweile hatte sich ein glasiger Schleier über seine Augen gelegt.

Baba vertrug keine harten Sachen. Als Muslim sollte er eigentlich keinen Alkohol trinken. Aber so ganz genau nahm er es nicht mit Allah und den Glaubensregeln. In unserer Küche hing eine gerahmte Kalligrafie mit dem Wort Allah, an Babas Bett lag ein Koran, es gab kein Schweinefleisch. Und das war’s dann auch schon. Wenn irgendwas sehr Erfreuliches passierte, etwas Dramatisches oder Tragisches, dann holte Baba die Flasche aus dem Schrank und trank ein Gläschen. Aber das kam eher selten vor.

Als er sein siebtes oder achtes Glas gekippt hatte, goss er beim Nachschenken einiges daneben, und dann dauerte es nicht mehr lange, bis er komplett hinüber war. In seinem Gesicht erschien wieder der tieftraurige Blick, mit dem unser Gespräch begonnen hatte. Er fing an zu lallen: „Mo, höma, i muss di wasahn. Deine Mutta, weißu, es iss … schreckli.“ Baba legte die verschränkten Arme auf den Tisch und bettete seinen kahlen Kopf darauf. „So schreckli“, nuschelte er noch einmal, dann schwieg er.

„Was meinst du? Was ist schrecklich?“ Ich stieß an seine Schulter. „Na los, sag schon.“ Ich starrte auf den Streifen schwarzgrauer Stoppeln in Babas Nacken.

„Die Briefe …“, jammerte er. „Hättich sie bloßni gelesn.“

„Was denn für Briefe? Wovon redest du?“

Langsam dämmerte mir, dass es einen konkreten Grund gab, warum Baba die ganzen letzten Wochen so schlecht drauf gewesen war. Es war nicht nur eine seiner schlechten Phasen gewesen. Es hatte mit diesen Briefen zu tun. Irgendetwas musste er darin gelesen haben, das ihn komplett aus der Bahn geworfen hatte. Ich musste unbedingt herausfinden, was das für Briefe waren. Konnte es sein, dass meine Mutter geschrieben hatte, nachdem wir achtzehn Jahren nichts von ihr gehört hatten? Warum hatte er mir nichts davon erzählt?

„Was ist los, Baba?“, drängte ich ihn noch einmal, aber er sagte nichts. Plötzlich fing er an zu schluchzen. Sein Rücken bebte, sein vornübergebeugter Kopf wackelte hin und her, ein Klagelaut flatterte durch unsere Küche. Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken, langsam beruhigte er sich. Nach einer Weile atmete er gleichmäßig und bewegte sich nicht mehr. Irgendwann fing er an zu schnarchen.

Das war’s dann wohl, heute würde ich nichts mehr aus ihm rausbekommen. Ich legte ihm von hinten die Arme um den Brustkorb und richtete ihn auf. „Na, komm, ich bring dich ins Bett.“ Als ich ihn in sein Zimmer verfrachtet hatte, legte ich ihn auf sein Bett. Einen Moment lang betrachtete ich den schnarchenden, schwarzen Mann auf dem weißen Laken. Dann fing ich an, nach den Briefen zu suchen.

Josh & Juli

Jakob Joshua Jablonsky hat das (schriftstellerische) Licht der Welt schon vor vielen Jahren erblickt, und zwar als Protagonist zahlreicher Kurzgeschichten in meinem Buch In Flagranti – Sprachspuren und Blickfänge, mit Gedichten, Kurzgeschichten und Fotografien. Nachdem Jablonsky für eine Weile untergetaucht war und schon als verschollen galt, stand der schräge Vogel eines Tages plötzlich wieder vor meiner Tür. Ich freute mich sehr, ihn wiederzusehen und so wurde er – zu meiner eigenen Überraschung – die Hauptfigur meines Romans Josh & Juli – 69 ½ Tage im Leben von Jakob Jablonsky.

Der Inhalt von Josh & Juli  Der Busfahrer Jakob Joshua Jablonsky sammelt Schirme. Er liebt Gedichte und Salzstangen. Und er liebt Eva. Als Eva ihn hinauswirft, fliegt ihm sein wohl geordnetes Leben um die Ohren und er weiß nicht, wo er hinsoll.

Doch da erreicht ihn ein Brief seines Großvaters: Hör zu, Du Pfeife! Du bist ziemlich am Arsch. Sie haben Dich gefeuert. Und Eva hat Dich vor die Tür gesetzt. Die Sache ist die: Der große Schiedsrichter wird mein Spiel bald abpfeifen und ich werde mir den Rasen von unten ansehen. Ich könnte Dir also meine Bude vermachen. Du kannst dort einziehen – unter einer Bedingung: Ich möchte, dass Du einmal am Tag etwas tust, das Du noch nie getan hast. Überleg es Dir!

Jablonsky hat keine Wahl, und so zieht er in das Sechs-Parteien-Haus ein. Anfangs tut er sich schwer, die Aufgabe des Großvaters zu erfüllen. Doch schon bald findet er Gefallen daran, jeden Tag etwas zum ersten Mal zu tun. Er spricht mit den Affen im Zoo. Er holt mit verbundenen Augen Brötchen. Er besingt die Gemälde einer Ausstellung.  Als er im Treppenhaus Juliana Blum begegnet, der Nachbarin mit dem Glockenlachen, läuft er zu Höchstform auf und umwirbt sie mit ungewöhnlichen Mitteln: Er versucht es mit einer Badewannenlesung. Mit einer Erdbeertörtchenschlacht. Mit einer roten Bügelsäge.

Kann er ihr Herz erobern? Immerhin sagt sie Josh zu ihm.

Das tut sonst niemand.

Die Geschichte einer unfreiwilligen Glückssuche wird in einem leisen, beinahe zärtlichen Tonfall erzählt. Verspielter Wortwitz und poetische Wärme färben den Text. Eine kleine Anleitung zum Ausbruch aus dem Alltag. Ein Lob der Fantasie.

Und vor allem: eine Liebesgeschichte. 

 Obwohl der Roman bislang noch nicht veröffentlicht wurde, sind Auszüge daraus mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden (Nordhessischer Literaturpreis, Mountain Stories Literaturpreis) und in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen. Die Lesungen aus Josh & Juli machen immer großen Spaß, weil ich dabei in aller Regel ein schmunzelndes, grinsendes, kicherndes Publikum vor mir sehe, in dessen Köpfen ganz offensichtlich die Frage kursiert, was man denn in seinem Leben mal tun könnte, das man noch nie getan hat. Und warum man nicht schon längst damit angefangen hat.

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Josh & Juli

69 1/2 Tage im Leben von Jakob Joshua Jablonsky

1. Tag – Die Linie

Jablonsky stellt den Koffer neben sich auf dem Bürgersteig ab und blickt an der Fassade des Altbaus hinauf. Da oben rechts, das sind die Fenster seiner neuen Wohnung, zweiter Stock, Südseite mit Blick über die große Kreuzung. Sein Schulweg führte hier entlang, aber das ist lange her. Die Kebabbude an der Ecke ist neu, der Matratzenladen auch. Was seine Mutter wohl sagen wird, wenn sie erfährt, dass er wieder in der Stadt ist? Und dass Eva ihn verlassen hat?

Er nimmt den Koffer, zieht an dem goldenen Türknauf, den sein Großvater in all den Jahren sicher viele Male berührt hat und tritt durch die schwere Eingangstür. Vor ihm liegen die sieben oder acht Meter Flur, die er von nun an jeden Tag durchqueren wird. Im Halbdunkel erkennt er eine Treppe. An der Wand hängt eine Tafel, auf die jemand mit Kreide geschrieben hat: Sperrmüll am Mittwoch. Es riecht nach feuchten Wänden und nach fremden Menschen. Was machst du hier, Jablonsky? Er tastet in der Innentasche seines Mantels nach dem Brief seines Großvaters, dem Brief mit der Aufgabe. Etwas, dass er noch nie getan hat, ein Jahr lang, jeden Tag. Auch heute. Na ja, sagen wir ab morgen.

In seinem Kopf meldet sich die Stimme seines Großvaters zu Wort: Nichts da, knurrt sie, auch heute, mein Lieber. Lass dir was einfallen. Jablonskys Blick fällt auf das Stück Kreide unterhalb der Tafel. In seinem Kopf blitzt eine Idee auf. Er horcht, es ist still im Haus. Wann, wenn nicht jetzt? Er nimmt die Kreide, bückt sich und beginnt, eine Linie auf den gefliesten Boden zu zeichnen. Den Koffer hält er in der linken Hand, mit der Rechten zieht er die Linie durch den Flur, vorbei an der langen Reihe der Briefkästen. Vornübergebeugt schnauft er bei jedem Schritt. Er stößt auf die Treppe und lässt das Kreidestück Stufe für Stufe in den ersten Stock hinaufkriechen. Als er auf dem Treppenabsatz nach links abbiegen will, hört er ein Geräusch. Er hält inne und lauscht. Nein, da ist nichts. Halb sitzend, halb kriechend führt er die Linie fort, die Treppe in den zweiten Stock hinauf, zieht den Koffer nach, erreicht den Treppenabsatz und stößt hier auf ein Paar grüne Wanderschuhe, die seiner Linie ein Ende setzen.

Jablonsky betrachtet die derben Schuhe, die robusten Waden, die darin stecken. Er hebt den Blick, sieht eine weibliche Person über sich aufragen, ein imposantes Gebirge aus üppigen Hügellandschaften, eingehüllt in einen grasgrünen Poncho, auf dem tellergroße gelbe Blüten sprießen. Vom Gipfel dieses grünen Massivs strahlt ihm ein rotwangiges Lächeln entgegen, das sonniger kaum sein könnte.

„Blum“, zwitschert es fröhlich auf ihn herab. „Juliana Blum. Sie sind bestimmt der Neue, nicht wahr?“ Sie streckt ihre kräftige Hand zu ihm herunter.

Jablonsky ergreift die Hand, will sie wieder loslassen, doch Frau Blum hält sie fest. Etwas Angenehmes strömt aus ihrer Hand in seine – nein, es strömt nicht, es wächst wie eine Ranke, die seine Haut durchdringt, die sich entlang seiner Venen in seinem Körper ausbreitet, die sein Herz erreicht, es mit Blättern überzieht, mit weißen Blüten und mit einem Duft, der ihn schwindeln lässt. Frau Blum lacht ein glockenhelles Lachen, nun lässt sie los. Lacht sie ihn aus? Jablonsky möchte etwas sagen, etwas, das sein Verhalten erklärt. Er möchte aufstehen aus seiner lächerlichen Position auf den Treppenstufen, aber er wird am Boden gehalten, von der Schwerkraft, von seiner Beklemmung, von einem plötzlichen Gefühl der Lähmung. Er tut das Äußerste, wozu er imstande ist. Er zieht die angebrochene Tüte mit Salzstangen aus der Jackentasche und hält sie Frau Blum hin. Sie beugt sich zu ihm herunter und zieht drei Salzstangen aus der Tüte.

„Ich wohne über Ihnen.“ Frau Blum deutet mit den Salzstangen nach oben und lächelt. Jablonsky erwidert ihr Lächeln wortlos, sein Kopf ist leer, sein Herz rast. Schließlich hält er es für das Beste, sich wieder seiner Linie zuzuwenden. Mit dem Kreidestück zieht er einen Bogen um Juliana Blums Wanderschuhe und setzt die weiße Linie hinter ihr fort, bis sie die Wohnungstür auf der rechten Seite des zweiten Stocks erreicht. Gerade will er in der Wohnung verschwinden, da macht Frau Blum drei Schritte auf ihn zu: „Sagen Sie, das J“, sie streicht eine Strähne ihrer Goldhaare zurück und deutet mit ihrem Kopf auf das Namensschild, das sein Großvater für ihn neben der Tür angebracht haben muss, „Jakob J. Jablonsky, wofür steht das J?“

Jablonskys blickt zu dem Schild und wieder zurück zu Frau Blum, er sagt: „Joshua.“

„Joshua“, wiederholt Frau Blum bedächtig. Sie schmatzt leise, als würde sie seinen Namen abschmecken. Dann sagt sie: „Ich werde Sie Josh nennen.“ Sie nickt bekräftigend. „Also, Josh, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. Ich drehe eine Runde durch den Wald.“ Damit stapft sie entlang seiner Linie die Treppe hinunter.

Jablonsky schließt auf und betritt die Wohnung seines Großvaters.

Als Erstes macht er die Fenster weit auf.

  1. Tag – Im Wald

Ungewohnte Geräusche reißen Jablonsky aus einem abstrusen Traum. Eva tauchte darin auf, sie war nackt. Einen Moment lang weiß er nicht, wo er ist. Vom Bett aus schaut er sich im Zimmer um. Er sieht fremde Möbel, Sonnenflecken auf altmodischen Vorhängen, seinen geöffneten Koffer, der auf einem Stuhl liegt. Die Wohnung ist zu voll. Jablonsky nimmt sich vor, einige Möbel des Großvaters in den Keller zu bringen.

Nun sind wieder die Geräusche zu hören, sie kommen von oben, aus der Wohnung von Frau Blum. Jablonsky findet, dass sie etwas Tröstliches haben. Frau Blum lässt das Wasser laufen, Frau Blum geht hin und her, Frau Blum benutzt ihren Staubsauger.

Jablonsky nimmt den Zettel vom Nachttisch und liest noch einmal die Nachricht seines Großvaters, die er gestern auf dem Küchentisch gefunden hat: Lieber Jakob, schön, dass Du gekommen bist. Füll bitte die Postkarte aus und schick sie ab. Viel Glück! Er betrachtet die Karte, sie ist adressiert an Notare Ebeler und Söhne. Der Text ist vorgeschrieben: Hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich am – es folgt eine kleine Lücke –  die Wohnung von Herrn Böhm bezogen habe. Darunter eine Linie für die Unterschrift. Jablonsky setzt sich im Bett auf, trägt das Datum von gestern ein, 26. Juli, und unterschreibt. Dann streckt er sich, steht auf und schlüpft in seine Kleider.

Beim Bäcker an der Ecke holt er Croissants, Butter und Marmelade, auf dem Weg wirft er die Karte an den Notar ein. In den Vorräten des Alten findet er schwarzen Tee. Als er beim Frühstück sitzt, fällt sein Blick auf ein Foto. Es steht im offenen Fach des alten Küchenschranks, sein Großvater ist darauf zu sehen. Er sitzt auf einer Bank, hat beide Hände auf einen Stock gelegt und das Kinn auf die Hände gestützt. Verschmitzt lächelt er Jablonsky entgegen. Du wirst das schon machen, scheint er zu sagen.

Jablonsky beißt die Spitze des Croissants ab, streicht Butter und Marmelade auf die Stelle und beißt noch einmal ab. Er könnte es sich einfach machen. Er könnte sagen: Ich bin heute zum ersten Mal im Bett meines Großvaters aufgewacht. Fall erledigt. So haben wir nicht gewettet, mein lieber Freund, hört Jablonsky seinen Großvater brummen. Fast ist ihm, als würde der alte Mann auf dem Foto tadelnd den Kopf schütteln. Also schön. Was könnte er stattdessen tun?

In der oberen Etage klappert eine Wohnungstür. Bestimmt die Tür von Frau Blum. Jetzt hallen ihre Schritte durch den Hausflur. Die Begegnung auf der Treppe fällt ihm ein, Frau Blums munteres Lächeln. Der Satz, den sie gesagt hat: Ich drehe eine Runde durch den Wald. Eine gute Idee, denkt er, vielleicht läuft er ihr im Wald sogar über den Weg. Er zieht die festen Schuhe an und verlässt wenig später das Haus. Frau Blum hatte Recht. Es ist nur ein kurzer Marsch durch die Straßenschluchten, dann liegt der Lärm der Stadt hinter ihm. Er erreicht einen ansteigenden Weg, der sich durch einen lichten Wald aus Buchen windet, bald verlässt er den Weg, geht zwischen Bäumen hindurch über federnden Waldboden. Als er weit genug von allen Wegen entfernt ist, bleibt er stehen und lauscht. Er ist allein. Und nun? Was könnte er tun, das er noch nie getan hat? Jedenfalls wird er jetzt bestimmt keinen Baum umarmen.

Ich könnte mich für einen Moment ins Laub legen, denkt er.

Das ist nicht gerade eine große Sache, hört er die Stimme seines Großvaters, aber meinetwegen, für den Anfang soll es reichen.

Und wenn es hier Zecken gibt?, fällt ihm ein. Oder wenn es feucht ist von unten?

Du meine Güte, knurrt sein Großvater, nun stell dich nicht so an.

Etwas unschlüssig steht er da. Dann tut er es: Jablonsky legt sich ins Laub. Es raschelt, es ist weich. Er schließt die Augen. Es riecht nach Moos und nach Pilzen, nach Vergänglichkeit und nach Wachstum. Der Mantel wird schmutzig, denkt er. Er spürt, wie ein Insekt auf seiner Wange landet, vielleicht eine Fliege. Die Fliege macht ein paar Schritte in Richtung Kinn, winzige Fliegenbeine tapsen über seine Haut, es kitzelt. Durch das Blattwerk fällt ein Sonnenstrahl auf sein Gesicht. Orangenes Licht dringt durch seine geschlossenen Lider, es wird hell und warm. Über ihm wispern tausend Blätter, als wollten sie ihm ein Geheimnis verraten.

Plötzlich muss er an Eva denken. Wenn sie ihn so sehen könnte. Du hast sie ja nicht alle, würde sie sagen. Sie fehlt ihm, ihr Duft, die rauchige Stimme. Jablonsky liegt da und fragt sich, warum es schief gegangen ist mit Eva. Vielleicht waren sie sich zu nah. Oder sie waren sich nicht nah genug. Die Kunst des richtigen Abstands, darin sind die Bäume Meister. Er blickt hinauf zu den Buchen, die um ihn herum stehen, nah genug, um einander Halt zu geben und weit genug, um einander Platz zu lassen. Was wir von den Bäumen lernen können, denkt er.

Er steht auf und klopft sich die Kleider ab. In seiner Manteltasche findet er das Stück Kreide, das er gestern im Hausflur eingesteckt hat. Er holt es heraus und schreibt ein Wort auf den Stamm einer Buche: BAUMSCHULE.

  1. Tag –  Der Kaugummi

Jablonsky geht in den nahe gelegenen Supermarkt. Er schiebt den Wagen durch die Gänge und legt Salzstangen hinein, Butter, Salami, Eier, Brot. Am Vormittag hat er die Vorratskammer seines Großvaters aufgeräumt. Alle angebrochenen Packungen hat er weggeworfen, all die Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum. Den Kühlschrank hat er geleert und sauber gemacht, nun kauft er eine neue Grundausstattung, Reis, Mehl, Nudeln und so weiter. Auf dem Weg zur Kasse kommt er an einem Regal mit Süßwaren vorbei. Er bleibt stehen. Die Aufgabe fällt ihm ein, etwas, dass er noch nie getan hat. Er schaut sich um, es ist niemand zu sehen. Seine Hand löst sich vom Griff des Wagens, nimmt eine Packung Kaugummi, tut so, als würde sie das grüne Päckchen in den Wagen legen, verbirgt sie stattdessen zwischen gestreckten Fingern, fährt in die Jackentasche und lässt die Kaugummis hineinfallen. Er fängt an zu schwitzen.

Jablonsky geht zur Kasse. Sein Puls pocht bis in die Schläfen, während er die Waren auf das Band legt.

Plötzlich sagt hinter ihm eine Frauenstimme: „Hey, Sie da!“

Er erstarrt in seiner Bewegung. Jablonsky fühlt sich wie ein Kaninchen, das von einer hungrigen Löwin aufgespürt wurde. Gleich wird sie ihm die scharfen Krallen in den Nacken schlagen. Langsam dreht er sich um, in der linken Hand einen Beutel mit Kartoffeln, in der rechten eine Avocado.

Hinter ihm in der Schlange steht Frau Blum aus dem dritten Stock. Das war sie! Sie muss ihn beobachtet haben, und nun hat sie ihn erschreckt, mit Absicht. So eine Frechheit. Wie ein hoch aufragender Fels steht sie da, einen halben Kopf größer als er, hält eine Flasche Milch und zwei Bananen in den Händen und grinst ihn an.

„Hallo Herr Nachbar“, flötet sie. Sie beugt sich vor und raunt ihm zu: „Sie sind Anfänger, stimmt’s? Wenn sie sich weiter so dilettantisch anstellen, dann geht das beim nächsten Mal schief. Der Ladendetektiv hier kann sehr unangenehm werden.“

Als Jablonsky und Frau Blum bezahlt haben, gehen sie zusammen nach Hause.

„Sie können mich doch nicht so erschrecken“, beschwert er sich, als sie an einer roten Ampel warten müssen. „Mir wäre fast das Herz stehen geblieben.“

„Jetzt seien Sie nicht gleich beleidigt“, sagt Frau Blum, „Sie müssen cool bleiben beim Klauen. Die Schuldgefühle ablegen. Und wenn Sie schon klauen, dann richtig. Eine gute Flasche Wein. Ein Päckchen Kaffee. Aber doch keinen Kaugummi.“

Jablonsky räuspert sich. „Hören Sie, ich habe noch nie etwas geklaut.“

„Wirklich?“ Frau Blum zieht die Stirn kraus. „Na, dann wurde es aber Zeit.“

„Das klingt ja so, als würden Sie andauernd etwas mitgehen lassen.“

„Na ja, was heißt schon andauernd?“ Die Ampel springt auf Grün, Frau Blum setzt sich in Bewegung, Jablonsky folgt ihr. „Andere klauen auch. Lohmann zum Beispiel, der ist ein richtiger Profi. Was der aus dem Laden rausschleppt, das ist phänomenal.“

„Lohmann?“ Er nimmt die schwere Tüte von einer Hand in die andere und sieht Frau Blum von der Seite an. „Wer ist Lohmann?“

Frau Blum bleibt neben einer Litfasssäule stehen. „Sie wissen nicht wer Lohmann ist?“ Ein bisschen ungläubig schaut sie ihn an und blinzelt dabei gegen die Sonne. Das steht ihr gut, findet Jablonsky. „Lohmann lebt in der Wohnung neben Ihnen. Er ist freier Journalist, verheiratet, zwei Söhne, und immer knapp bei Kasse. Ich mag ihn nicht besonders. Lohmann schnüffelt überall herum. Aber das ist vielleicht eine Art Berufskrankheit. Er hat viel mit Ihrem Großvater zusammengesessen.“ Frau Blum wendet sich um und geht weiter. Jablonsky beeilt sich, mit ihr Schritt zu halten. Vor der Haustür bleibt sie wieder stehen und sagt: „Na schön, Josh, ich denke, ich sollte es Ihnen erzählen. Ich habe da ein Gespräch belauscht. Es war reiner Zufall. Ich saß im Hof unter der Birke, da standen Lohmann und Ihr Großvater bei den Mülltonnen und unterhielten sich. Ich habe nicht viel verstanden, aber es fiel mehrmals Ihr Name. Es klang so, als ob der alte Böhm Lohmann um etwas bitten wollte. Und Lohmann eierte rum, also, ich weiß nicht, lassen Sie mich darüber nachdenken, so was in der Art. Irgendwas haben die da ausgeheckt. Aber fragen Sie mich nicht, was es war.“

Frau Blum sieht ihn einen Moment lang an, dann drückt sie die Haustür auf und geht hinein. Er folgt ihr.

Der Brief, denkt er, während sie die Treppe hinaufsteigen. Vielleicht hat Lohmann den Brief seines Großvaters für ihn eingeworfen, nach seinem Tod.

„Also dann, Josh.“ Frau Blum bleibt schnaufend vor Jablonskys Tür stehen. „Schönen Tag.“ Damit stapft sie die Treppe zum dritten Stock hinauf.

Jablonsky geht hinein und packt seine Tasche aus. Die Kaugummis wirft er weg.

Er mag keine Kaugummis.