Wasserläufer

Wasserläufer ist das aktuelle Romanprojekt, an dem ich gerade arbeite. Ich schreibe es für Menschen, die Geschichten mit jugendlichen Helden mögen. Geschichten mit einem Augenzwinkern angesichts der Widrigkeiten des Lebens. Ich schreibe es für weiße Menschen, die sagen: Rassismus? Was habe ich damit zu tun? Das betrifft mich nicht (so wie Lukas, als er seinem Schwarzen Halbbruder Mo begegnet). Und ich schreibe es für Schwarze Menschen, die erleben müssen, dass sie in diesem Einwanderungsland immer noch als anders und fremd wahrgenommen werden, selbst wenn sie hier geboren wurden (so wie Mo). Ich schreibe es für alle, die sich schon immer einen großen Bruder gewünscht haben (so wie Lukas, in dessen Leben Mo wie aus dem Nichts auftaucht). Und für alle, die schon mal das Vergnügen hatten, ein rotes Miele-Motorrad von 1954 zu fahren.

Der Autor auf den Spuren von Mo und  Lukas – mit dem Roller von Schmallenberg nach Norderney

Der Inhalt von Wasserläufer: Mo ist der Sohn eines somalischen Flüchtlings. Er ist begeisterter Schwimmer, Zimmermannslehrling und lebt in Berlin. Lukas ist Computerfreak, überzeugter Nichtschwimmer und lebt mit seinem Vater in einer verfallenen Villa im Sauerland. Mo und Lukas wissen nichts voneinander. Und doch sind sie untrennbar verbunden, denn sie haben dieselbe Mutter. Diese Mutter ist spurlos verschwunden.

Als Mo ein Brief seines Vaters in die Hände fällt, erfährt er von Lukas. Mit dem alten Motorrad seines Vaters fährt er von Berlin ins Sauerland, um Lukas zu suchen. Zwei Welten prallen aufeinander, es rumpelt ganz gewaltig zwischen den beiden, und es dauert eine Weile, bis sich Lukas und Mo zusammengerauft haben.

Doch dann spielt ihnen der Zufall eine Spur ihrer Mutter in die Hände und die ungleichen Brüder machen sich mit dem Motorrad auf die Suche. Auf ihrem turbulenten Roadtrip überfallen sie aus Versehen eine Bank (ohne dabei Geld zu erbeuten), sie schreiben Gedichte (ohne davon sentimental zu werden), sie übernachten auf einem Friedhof (ohne vor Angst zu sterben). Und immer wieder verpassen sie ganz knapp ihre Mutter.

Nach einem wahren Kaleidoskop skurriler, amüsanter und aufregender Erlebnisse, erreichen sie Norderney. Am Ende bringt Mo seinem Bruder in der Nordsee das Schwimmen bei.

Die drei Hauptschauplätze des Buches: Berlin, Sauerland, Norderney:

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Wasserläufer

1. Das rote Motorrad

Ich hatte sie nicht kommen sehen. Sie waren zu dritt, wie ein Gebirge ragten sie vor mir auf. Von dem vorderen der drei Gipfel wehten eisige Worte zu mir runter: „Wen haben wir denn da?“

Verdammt, schon wieder dieser Typ. Er erinnerte mich an eine weiße Ratte. Ich hasste seine bleiche Visage, ich hasste die wimpernlosen Augen, mit denen er mich von oben beäugte, ich hasste seine nach hinten gekämmten weißblonden Haare. Und ich hasste meine Angst. Seine Stimme war genauso tonlos wie vor ein paar Wochen, beinahe ging sie unter im Rauschen der U-Bahn. Er beugte sich zu mir runter und stützte sich mit dem Ellbogen auf die Rückenlehne hinten mir. Dabei kam er mir so nahe, dass sein Atem mein Gesicht streifte.

„Stehen, hatte ich gesagt.“ Sein Geruch kroch mir in die Nase, eine Seife oder ein Parfüm, irgendwas mit Vanille. Ein verführerischer Duft. An seinem käsigen Hals sah ich das Tattoo, das ich schon kannte, es war ein Reichsadler, ich hatte es gegoogelt. Die beiden Leibwächter, die er bei sich hatte, standen hinter ihm und grinsten blöde, ein schlecht gelaunter Braunbär und ein Hamstergesicht.

„Stehen ist in Ordnung, hatte ich gesagt. Und jetzt sitzt du schon wieder hier und nimmst anständigen Deutschen den Sitzplatz weg.“ Die weiße Ratte schnalzte tadelnd mit der Zunge.

Die U-Bahn war nicht mal halbvoll, die Leute schauten betreten auf ihre Handys oder in die Schwärze des U-Bahn-Tunnels und taten so, als würden sie nichts mitbekommen.

„Na los, steh auf.“ Seine Stimme war jetzt schneidend und kalt, er tasteten mich mit den Augen ab wie eine Beute, die er gleich erlegen würde. „Oder müssen wir nachhelfen?“

Ich hatte das Gefühl, durch die Polster meines Sitzes in die Tiefe zu sinken. Mein Magen krampfte sich zu einem Klumpen zusammen, meine Hände umklammerten den Rucksack auf meinem Schoß. Ich kam vom Schwimmen, genau wie vor drei Wochen. Damals hatte ich mir geschworen, dass ich mich beim nächsten Mal wehren würde. Dass ich nicht aufstehen würde. Und dann hatte ich mit dem Krafttraining angefangen. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich durch mein hammerhartes Training Gewichtheberschultern und Oberarme wie ein Boxer bekommen würde, und dass die Nazis in der U-Bahn einen Bogen um mich machen würden, wenn sie meine Muskelpakete sahen. Als Erstes hatte ich mir Tipps von Holger aus dem zweiten Stock geholt. Vier Mal die Woche hundert Liegestütze, hatte er gemeint, Crunches, Planks, Dips, dazu zwei Mal die Woche Lauftraining – das war der Plan gewesen. Das Blöde war nur, dass mir dauernd irgendwas dazwischenfunkte: Baba rief zum Essen, Erhan wollte mit mir im Park abhängen, im YAAM lief ein cooles Reggaekonzert. Wenn das so weiterging, dann würde mein Körper für alle Zeiten so bleiben, wie er schon immer gewesen war, lang und schmal, ideal, um wegzulaufen. Aber nicht besonders ideal, wenn es darum ging, ein paar Nazis was auf die Mütze zu geben.

„Hörst du schlecht?“ Die Hamsterbacke hatte sich vorgebeugt. „Du sollst aufstehen.“ Er gab mir einen Stoß gegen die Schulter. „Hier ist kein Platz für Leute wie dich. Verpiss dich. Geh zurück in den afrikanischen Saustall, aus dem du gekommen bist.“

Ich war noch nie in Afrika. Mein ganzes Leben hatte ich in Berlin verbracht, Berlin war eine coole Stadt. Der Ton war manchmal ein bisschen rau hier, aber eigentlich waren die Leute ziemlich entspannt. Berlin war bunt. Wie ein brodelnder Suppentopf, in den irgendjemand von allem ein bisschen was reingerührt hatte. Wenn ich wollte, dann konnte ich mich an den Imbissbuden der Stadt an einem einzigen Tag einmal rund um den Globus essen. Aber natürlich gab es in Berlin auch Omis, die ihre Handtasche fester hielten, wenn ich neben ihnen an der Ampel stand. Und es gab Idioten, die mich zurück nach Afrika schicken wollten. Das war die andere Seite der Medaille.

Der Braunbär griff in die Tasche seiner Bomberjacke. Etwas Schwarzes kam zum Vorschein, ein Teleskopschlagstock. Mit einem scharfen Geräusch ließ er ihn zu voller Länge ausfahren. „Wer nicht hören will …“, sagte er und zog den linken Mundwinkel zu einem Grinsen hoch.

Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. Ich sah mich zum zweiten Mal im Stehen bis zum U-Bahnhof Gleisdreieck fahren, während diese drei Arschlöcher sich grinsend auf die Sitze fläzten und blöde Sprüche machten.

„Potsdamer Platz“, nörgelte die Automatenstimme aus dem Lautsprecher, die Bahn quietschte in den Schienen, verlangsamte die Fahrt und kam im Neonlicht der Haltestelle zum Stehen. Die Türen öffneten sich, ein kurzes Kommen und Gehen, ein Moment der Stille. Und dann, in der Sekunde, bevor die Türen sich wieder schlossen, sprang ich vom Sitz hoch, rammte mich zwischen den drei Dumpfbacken durch und hechtete ins Freie.

Ich rannte wie ein Irrer. Meine Schritte hämmerten über den Bahnsteig, ich stieß Leute beiseite, sprintete die Rolltreppe rauf und raste in Richtung Stresemannstraße. Auf der ganzen Strecke vom Potsdamer Platz bis zu unserem Haus blieb ich kein einziges Mal stehen, und auch die fünf Treppen hetzte ich hoch, ohne anzuhalten. Mit zitternden Händen schloss ich auf, huschte hinein und warf mich von innen gegen die Tür. Es war still, nur mein Japsen war zu hören, und das Stampfen meines Herzens.

Baba war noch nicht aus der Schule zurück.

Verdammt nochmal, diese Scheißnazis! Am liebsten hätte ich sie gekillt. Ich ging in mein Zimmer, pfefferte den Rucksack mit den Schwimmsachen in die Ecke und zog das verschwitzte T-Shirt aus. Es gab nur eine Möglichkeit, mit Typen wie diesen fertigzuwerden: Ich musste mein Trainingsprogramm knallhart durchziehen. Jeden Tag. Gnadenlos. Sofort. Mit einem Seufzer rollte ich die Matte aus und legte los.

Als ich zweiundsiebzig Liegestütze hinter mir hatte und achtundzwanzig weitere vor mir, klingelte es an der Tür. Es war kein gewöhnliches Klingeln. Es war ein Mach-sofort-auf-sonst-gibt’s-Stress-Klingeln. Ich erstarrte mitten in der Bewegung, die Arme gestreckt, ein Schweißtropfen fiel von meiner Nase und landete zwischen meinen Händen. Waren das die Vollidioten aus der U-Bahn, waren sie mir gefolgt?

Es klingelte noch mal, dann wurde gegen die Tür gehämmert. Auf dem Weg durch den Flur wischte ich mir mit einem Handtuch den Schweiß von Stirn und Brust und hängte es mir über die nackten Schultern.

„Wer ist da?“, hörte ich meine eigene Stimme sagen.

„Warum machst du nicht auf?“, kam es von der anderen Seite zurück. Das war Baba. Erleichtert öffnete ich.

Vor der Tür drängten sich sieben oder acht Gestalten und umringten ein vorsintflutliches Motorrad. In der Mitte stand Baba, seine Hände ruhten auf dem Lenker. Er sah aus als hätte er allen Ernstes vor, diesen Schrotthaufen in unsere Wohnung zu schieben. Babas Eskorte bestand aus den üblichen Verdächtigen, die bei schönem Wetter immer unten im Hof abhingen: Ganz rechts ragten Holger und Tamara auf, die Inhaber von Tamaras Powerhouse, einem Fitnessstudio irgendwo in Kreuzberg. Vor ihnen stand der winzige Sergio aus der Wohnung nebenan, genannt il nano. Er hatte die Augenbrauen bis zum Anschlag hochgezogen und sah mich an, als müsste ich beim Anblick dieser schrägen Versammlung augenblicklich in Ohnmacht fallen. Links vom Motorrad grinste mir mein Freund Erhan entgegen, der mit seinen Eltern und seiner wahnsinnig hübschen Schwester Hediye in der Wohnung unter uns wohnte. Dahinter funkelten mir aus einem dunklen kantigen Gesicht die Augen von Yola entgegen. Sie war Journalistin, fuhr eine Moto Guzzi und wohnte im dritten Stock rechts. Ganz links stand Saad, der Apotheker. Er hatte die größten Ohren des Universums. Sie ragten unterhalb der spiegelglatten Glatze rechts und links aus seinem Kopf raus wie die Aufhänger für den gigantischen Rauschebart, der den Rest seines Gesichts bedeckte.

Diese Typen mussten Baba geholfen haben, das Monstrum in den fünften Stock zu schleppen. Allein hätte er das nie geschafft, die ganzen Treppen rauf. Dafür war dieser Blechhaufen viel zu schwer. Und Baba war zu klein und zu schmal. Er schnaufte ja schon wie ein asthmatisches Eichhörnchen, wenn er mit dem Einkauf vor unserer Tür ankam.

„Sie haben es mir geschenkt, Mohamed“, flüsterte Baba und sah mit weit aufgerissenen Augen zu mir auf.

Ich verzog das Gesicht. „Baba, bitte.“ Er wusste ganz genau wie ich es hasste, wenn er mich Mohamed nannte. Alle sagten Mo zu mir, auch mein Vater. Mohamed sagte er nur, wenn er mit mir schimpfte. Oder wenn er etwas sehr Wichtiges zu sagen hatte.

„Kannst du dir das vorstellen? Geschenkt. Einfach so. Wir wissen nicht, wem es gehört, haben sie gesagt. Nimm es mit, das alte Ding. Ich habe es den ganzen weiten Weg bis hierher geschoben.“ Auf seinem kahlen kastanienbraunen Schädel glitzerten Schweißperlen, unter den Achseln hatten sich dunkle Flecken auf seinem karierten Hemd gebildet.

Schon seit Wochen faselte mein Vater von dem roten Motorrad. Er hatte es im Keller der Schule entdeckt, im hintersten Winkel, er hatte sich auf der Stelle unsterblich in die alte Karre verliebt. In seinem Kopf hatte sich die Idee festgesetzt, eines Tages mit dieser Maschine zur Schule zu fahren. Baba hatte die Rektorin darauf angequatscht, sie wusste von nichts. Er hatte sämtliche Lehrer damit genervt, die Sekretärin, den Sozialarbeiter, sogar die Leute von der Putzkolonne. Niemand konnte ihm sagen, wo das verstaubte, von Spinnweben überzogene Ding herkam. Natürlich hatte er höflich und vorsichtig gefragt, denn er war ja nur der Hausmeister. Ein Hausmeister, der froh war, dass er diese Stelle überhaupt bekommen hatte. Auch wenn er eigentlich viel lieber als Lehrer gearbeitet hätte, so wie damals in Somalia.

„Mach doch mal bitte den Küchentisch frei, Mo“, sagte Baba mit singender Stimme und schob das rote Ungetüm durch die Wohnungstür in unseren Flur. So gut gelaunt hatte ich ihn lange nicht mehr gesehen.

„Leg die alte Plastikdecke auf. Und zieh dir was an.“ Er bog mit der Maschine nach links in Richtung Küche ab, die anderen Hausbewohner folgten ihm in einer erwartungsfrohen Prozession.

2. Küchengetümmel

Als der ganze verrückte Haufen in unserer winzigen Küche versammelt war und die Maschine bestaunte, die wir auf dem Küchentisch aufgebockt hatten, war es so voll, dass sich die Wände nach außen bogen.

„Schöne Maschine“, murmelte Holger, er beugte sich über das Motorrad und strich mit seiner Bratpfannenpranke erstaunlich zärtlich über den roten Tank. Neben ihm stand Tamara. Sie hatte die Arme unter ihrem Wahnsinnsbusen verschränkt und musterte das Motorrad skeptisch.

„Männerspielzeug“, zischte sie und schüttelte den Kopf.

Ich lehnte neben Erhan an der Fensterbank. Von der Seite raunte er mir zu: „Mann, ihr habt vielleicht ein Scheißglück. Wieso schenkt mir keiner ein Motorrad? Es ist so ungerecht, Alter.“

„Wenn Baba die Kiste zum Laufen kriegt, dann nehme ich vielleicht dich mal hintendrauf mit“, raunte ich zurück.

Ein Motorrad, das war schon lange mein Traum. Ich hatte vor einem Jahr meinen Schein gemacht, direkt nach meinem Achtzehnten. Und einen Helm hatte ich auch schon. Er war mattschwarz und zwei Nummern zu groß, weil er sonst nicht über das Gestrüpp aus schwarzen Locken gepasst hätte, das in alle Richtungen von meinem Kopf abstand.

„Das wär’ verdammt cool, Alter.“ Erhan warf mir einen Seitenblick zu. „Stell dir das mal vor, Mann: Wir kreuzen mit diesem Gerät vorm YAAM auf.“ Er hatte die linke Augenbraue hochgezogen.

„Ein Haufen Schrott ist das, mamma mia“, säuselte Sergio mit seiner hohen Stimme und schüttelte bekümmert den Kopf. „Kannst du gleich ins Museo bringen. Oder zum Schrottplatz.“

„Blödsinn“, widersprach Baba und tätschelte den vorderen der beiden Gummisättel als läge er auf dem Rücken eines edlen Rennpferdes. „Die Karre mach ich wieder flott, ihr werdet schon sehen. Ich habe da schon ein paar Ideen, warum dieses Prachtstück nicht anspringt. Als Erstes werde ich mir mal den Vergaser vornehmen.“

„Wie jetzt?“ Yola zog die Stirn kraus und sah zwischen Baba und mir in und her. „Du willst die Maschine hier in der Küche reparieren? Was sagst du denn dazu, Mo?“

„Ist schon okay“, antwortete ich. „Hauptsache ich darf sie hinterher mal fahren.“

Yola schnaubte und sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Irgendwie war sie mir unheimlich. Vielleicht weil sie studiert hatte. Oder wegen ihrer Moto Guzzi. Oder wegen ihrer funkelnden Augen. Was weiß ich?

„Guck mal.“ Yola strich sich ihre schwarzen Locken aus dem Gesicht, während sie sich vorbeugte und das geprägte Messingschild am Tank inspizierte. „Das ist eine Miele. Genau derselbe Schriftzug wie auf meiner Waschmaschine. Aber ein Motorrad von Miele? Die Karre ist garantiert steinalt.“

„Seht euch das hier mal an.“ Baba setzte seine Lesebrille auf, steckte seinen Kopf halb unter den Tank der Maschine und zeigte auf das Typenschild, das dort angebracht war. „Hersteller: Miele-Werke. Baujahr 1954. Mo, dein Großvater ist 1954 zur Welt gekommen. Mein Vater – Allah sei seiner Seele gnädig. 1954, das ist ein guter Jahrgang.“

Es klingelte an der Tür, es war Hassan, Erhans Vater. Er wollte seinen Sohn zum Essen holen. Aber als er die Maschine sah, hatte er schnell vergessen, weshalb er gekommen war. „Wie schnell fährt die denn?“, wollte er wissen, und alle versuchten, einen Blick auf den Tacho zu erhaschen, der in den rot lackierten Scheinwerfer eingelassen war. Sergio stellte sich auf die Zehenspitzen, während Holger sich herunterbeugen musste und dabei ein herablassendes Grunzen ausstieß: „Neunzig Sachen. Bisschen lahm, oder?“ Als sich kurz darauf auch noch Aylin, Erhans Mutter, und die schöne Hediye in unsere Küche gequetscht hatten, waren mehr Bewohner dieses Mietshauses in unserer Küche versammelt als je zuvor.

„Du verplemperst deine Zeit, amico mio.“ Sergio wies mit dem Kopf auf die Maschine. „Glaub mir, diese Karre ist am Ende.“

„Jetzt lass ihn doch.“ Yola zwinkerte Baba zu. „Wer über das Wasser laufen kann, der kann auch solche Leichen zum Leben erwecken.“

„Jetzt fangt nicht wieder mit dieser alten Sache an.“ Baba machte eine abwehrende Handbewegung. „Das ist doch alles Blödsinn, ich bin nicht übers Wasser gelaufen. Wenn hier jemand übers Wasser laufen kann, dann vielleicht Mo.“ Er warf mir einen Blick voller Vaterstolz zu. „Barrakuda nennen sie ihn im Schwimmverein. Bei den Meisterschaften schwimmt er allen anderen davon. Die Pokale und Medaillen passen kaum noch in sein Zimmer …“

„Baba, das nervt“, unterbrach ich ihn. Erstens übertrieb er. Und zweitens hatte ich mit den Wettkämpfen aufgehört, als ich zwölf oder dreizehn war. Ich ging immer noch gerne Schwimmen, Wasser war mein Element. Aber ich trainierte nicht mehr. Baba tat immer so, als hätte ich erst vor ein paar Tagen einen neuen Rekord geschwommen. Für ihn war es ein Wahnsinnsding, dass ich ein guter Schwimmer war. Ich glaube, das lag daran, dass er selbst nicht schwimmen konnte. In der Gegend, aus der er kam, war Wasser so kostbar und so selten, dass es weit und breit nicht genug davon gab, um darin schwimmen zu können. Er hat mir erzählt, dass er in Somalia die Wasserläufer beobachtet hat, wenn er mit seinen Kanistern an der Wasserstelle gesessen hat, und dass er sich vorgestellt hat, er wäre selber ein Wasserläufer und würde über das Meer nach Europa laufen. Irgendwohin wo Frieden ist. Eines Tages ist Baba dann tatsächlich über das Mittelmeer geflüchtet, in einem Boot, das voll war mit Menschen, die nicht schwimmen konnten. Viel zu voll. Es ist kurz vor der italienischen Küste gesunken und viele Menschen sind ertrunken. Baba hat das Unglück auf wundersame Weise überlebt, obwohl er nicht schwimmen konnte. Alle bei uns im Haus kannten diese Geschichte, sie hat ihm den Beinamen Wasserläufer eingetragen.

Holgers tiefe Stimme dröhnte durch unsere Küche: „Du musst dir einen guten Helm besorgen, bevor du die Maschine fährst.“

„Einen Helm habe ich schon, wartet mal.“ Baba drängte sich zwischen den anderen durch und kam kurz darauf mit einem Armeehelm auf dem Kopf zurück. Er sah damit aus wie ein Maulwurf.

„Vom Flohmarkt“, sagte er, und alle brachen in schallendes Gelächter aus.

Mitten in dieses Gelächter hinein rief Aylin: „Ach, du meine Güte, das Essen.“ Sie zog Hediye hinter sich her und quetschte sich an Holger und Baba vorbei. Aus dem Flur rief sie: „Hassan, Erhan. Kommt runter, sofort.“

„Viel Glück mit der Maschine.“ Holger schlug Baba auf die Schulter. Dann nickte er Tamara zu und die beiden düsten ab.

Kurz darauf verzogen sich auch Yola, Saad und Sergio.

3. Der Jahrestag

Als alle Hausbewohner abgezogen waren, verkrümelte ich mich in mein Zimmer und machte mich an meine restlichen Liegestütze und an die anderen Übungen, die zu meinem Trainingsprogramm gehörten. Die ganze Zeit rechnete ich damit, dass mir wieder irgendwas dazwischenkommen würde, aber es passierte nichts. Erst bei meinen allerletzten Sit-ups hörte ich Babas Stimme im Flur: „Abendessen!“

Wenig später saßen Baba und ich am Küchentisch. In der Luft hing eine Wolke aus Pfefferminztee, Reifengummi und Benzin, Baba hatte die Teller, das Fladenbrot, die Oliven und den Käse rings um das Motorrad verteilt, so gut es ging. Ich saß mit meiner eiskalten Cola am Kopfende und hatte den Vorderreifen vor der Nase. Baba war schweigsam, das fiel mir sofort auf. Während er aß, seufzte er immer wieder. Wo war seine gute Laune von vorhin geblieben, als er das Motorrad freudestrahlend in die Küche geschoben hatte?

Ich räusperte mich und als er daraufhin aufblickte, sagte ich: „Hey, alles in Ordnung mit dir?“

Anstelle einer Antwort holte er eine Flasche Schnaps und zwei Gläser aus dem Schrank. Er schenkte uns ein, dann nahm er mit einem weiteren Seufzer sein Glas, drehte es zwischen den Fingern und schaute hinein. „Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist?“, sagte er leise und sah mich an. Die Sorgenfalten, die das Leben zwischen seinen Augenbrauen in sein Gesicht gegraben hatte, vertieften sich. Baba sah immer ein bisschen so aus, als ob ihn irgendwas bedrückte. Selbst wenn er gut drauf war. Aber jetzt, als er mit dem Glas in der Hand vor mir saß und mich anschaute, kam er mir vor wie jemand, der unerträgliche Zahnschmerzen hatte.

Ich wusste nicht, was er meinte. Was für ein Tag sollte heute sein? Erst als sein Blick zu dem gerahmten Foto neben unserem Kühlschrank wanderte, dämmerte es mir: Heute war der Jahrestag von Julias Verschwinden. Schon wieder dieses Thema, hörte das denn nie auf? Achtzehn Jahre war sie jetzt weg, damals war ich nicht mal anderthalb gewesen. Ich konnte mich nicht an meine Mutter erinnern. Aber Baba hatte schon so viel von ihr erzählt, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie zu kennen.

„Auf Julia!“ Baba hob sein Glas und sah mich an.

Ich schob das Glas weg und steckte meine Hände unter die Oberschenkel. „Ich trinke nicht auf sie.“ Es ging mir auf den Geist, wie Baba sie immer noch anhimmelte. Er hatte mir erzählt, dass Julia damals ganz plötzlich abgehauen war, einfach so, nur mit einem Koffer voll Klamotten. Kein Abschied, keine Erklärung, kein einziges Wort. Und obwohl Baba in all den Jahren alles Mögliche unternommen hatte, um sie zu finden, war sie bis heute wie vom Erdboden verschluckt geblieben. Trotzdem war Baba immer noch felsenfest davon überzeugt, dass sie eines Tages wieder auftauchen würde. An dieser Idee hielt er sich fest wie an einem Rettungsring.

„Komm schon, Mo.“ Babas linke Hand umfasste mein Handgelenk, mit der anderen griff er nach der geprägten Silbermünze, die an einem Lederband um seinen Hals hing. Er hatte sich diese Münze umgebunden, bevor er vor zwanzig Jahren in Somalia aufgebrochen war, um nach Europa zu fliehen. Und er hatte sie seitdem nicht wieder abgelegt. Immer wenn es irgendwie brenzlig wurde, beschwor er den Zauber dieser Münze herauf, indem er sie berührte.

„Sie wird ihre Gründe gehabt haben. Wenn sie eines Tages zu uns zurückkommt, werden wir erfahren, was passiert ist.“ Er beugte sich vor, sein Atem roch nach Alkohol. „Mo, du musst lernen zu verzeihen. Glaub mir, es ist besser so. Na los, stoß mit mir auf deine Mutter an.“ Er hielt mir das Glas hin.

Ich wollte nicht. In meinen Schläfen fing es wie wild an zu pochen, eine Scheißwut kochte in mir hoch. Und Babas Versuche, sie in Schutz zu nehmen, machten es nur noch schlimmer. Genauso wie sein idiotischer Glaube an ihre Rückkehr.

Ich schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, irgendein Blechteil des Motorrads schepperte. „Du checkst einfach nicht, was mein Problem ist!“

Babas linke Augenbraue wanderte zwei Zentimeter nach oben, die darüber liegende Partie seiner Stirn legte sich in Falten. „Dann erklär’s mir. Was ist dein Problem?“

Wie oft hatten wir schon darüber gesprochen? Mit beiden Händen umklammerte ich die Sitzfläche des Stuhls, hunderttausend komische Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Nach einer Weile sagte ich: „Ich fühle mich … verloren.“

Babas Augenbraue rutschte wieder runter, dafür kräuselte sich die Stelle am oberen Ende seiner Nase umso stärker. „Verloren“, wiederholte er und sah mich kopfschüttelnd an.

Es war verrückt: Ich war in Berlin geboren und hier zur Schule gegangen, ich machte hier meine Lehre, ich hing mit meinen Freunden ab, mit Deutschen, Türken, Polen, was auch immer und stand auf die gleichen Mädchen wie sie. Alles war cool, ich fühlte mich wohl in dieser Stadt. Aber früher oder später traf mich irgendwo im Supermarkt oder auf der Straße dieser ganz spezielle Blick. Ein Blick, der mich oft nur kurz streifte und der sagte: Du bist anders. Dieses kurze Staunen, das mir begegnete, wenn ich den Mund aufmachte und ohne jeden Akzent deutsch sprach. Und dann die Frage, wo ich herkam. Es war, als würde ich über einen Platz mit vielen Menschen gehen, und immer wieder rempelte mich irgendwer an und gab mir zu verstehen, dass ich nicht dazugehörte. So als ob ich mich unrechtmäßig hineingemogelt hatte.

Ich deutete mit der linken Hand auf meinen rechten Arm. „Mit so einer Hautfarbe hast du in diesem Land die Arschkarte gezogen. Du bist von vorneherein der Dieb, der Analphabet, der Schmarotzer. Da kannst du dich noch so sehr anpassen – du wirst nie wirklich dazugehören. Jedes Mal gibst du ein kleines Stück von dir auf. Und am Ende weißt du nicht mehr, wer du bist.“

„Jetzt pass mal auf, Mohamed.“ Baba beugte sich vor und deutete mit dem vollen Glas auf mich. „Ich werde dir sagen, wer du bist. Du bist Mo und deine Haut hat eine wunderbare Farbe. Es ist die Farbe von schwarzem Kaffee, in den jemand einen Schuss Milch reingekippt hat.“ Baba grinste, seine weißen Zähne strahlten. „Der schwarze Kaffee, das bin ich. Und Julia ist die Milch. Herausgekommen bist du, eine duftende Tasse Café au lait. Du bist ein großartiger Junge. Du rennst wie ein Windhund, du schwimmst wie ein Barrakuda und du bist eigensinnig wie ein Esel. Auf deinem Kopf wächst ein Nest aus schwarzen Kräusellocken, so groß, dass ein Storch bequem darin nisten könnte. Du machst eine Lehre als Zimmermann, die Mädchen rennen dir hinterher und manchmal siehst du ein bisschen viele Gespenster. Und jetzt kommt das Beste: Dein Vater liebt dich über alles. Also, was willst du mehr? Auf dich!“

Baba kippte den Schnaps runter.

Er redete es klein, so wie immer. Es war zum Kotzen. Konnte er mich nicht einfach mal ernstnehmen? Und dann fing er auch noch an mit kaffeebraun und so. Ich bekam Ausschlag, wenn Schwarze von irgendwelchen Weißen als kaffeebraun bezeichnet wurden. Als wären wir immer noch die kaffeebraunen Sklaven, die auf Plantagen irgendwo in Afrika die Bohnen für den Kaffee ihrer Kolonialherren pflückten. Baba war das egal. Er merkte gar nicht, wie sie ihn runtermachten. Wie er sich selbst klein machte. Ich beugte mich vor und blaffte ich ihn an: „In meinem deutschen Pass steht aber nicht Mohamed Abdi Sharif. Da steht Mohamed Harms.“

„Das ist eine reine Formsache. Es hat mit den deutschen Gesetzen zu tun.“ Er leerte das Glas in einem Zug. „Ich verstehe, dass Julia dir fehlt, Mo. Und ich verstehe auch, dass du dich fragst, wo dein Platz in dieser Welt ist.“

„Gar nichts verstehst du! Dir fehlt Julia. Mir fehlt was ganz anderes. Ich bin zur Hälfte Somalier, aber ich bin noch nie dort gewesen. Und zur anderen Hälfte bin ich Deutscher und werde hier behandelt wie ein Fremder. Ich hänge dazwischen, verstehst du das nicht?“

Baba wich meinem Blick aus, er seufzte schwer, dann kippte er einen weiteren Schnaps. Ein dumpfes Schweigen waberte durch unsere Küche und mischte sich mit dem Geruch, den das Motorrad verströmte. Ein weiteres Mal füllte er das Glas und trank es leer, mittlerweile hatte sich ein glasiger Schleier über seine Augen gelegt.

Es kam nicht oft vor, dass Baba sich einen Schnaps genehmigte, er war keine harten Sachen gewöhnt. Als Muslim sollte er eigentlich überhaupt keinen Alkohol trinken, aber so genau nahm er es nicht mit Allah und den Glaubensregeln. In unserer Küche hing eine gerahmte Kalligrafie mit dem Wort Allah, an Babas Bett lag ein Koran, es gab kein Schweinefleisch. Und das war’s dann auch schon.

Als er sein siebtes oder achtes Glas getrunken hatte, goss er beim Nachschenken schon einiges daneben, und dann dauerte es nicht mehr lange, bis er komplett hinüber war. In seinem Gesicht erschien wieder der tieftraurige Blick, mit dem unser Gespräch begonnen hatte. Er fing an zu lallen: „Mo, hömma, i muss di wassahn. Deine Mutta, weißu, …  die Briefe, essis schreckli.“ Baba legte die verschränkten Arme auf den Tisch und legte seinen kahlen Kopf darauf ab. „So schreckli“, nuschelte er noch einmal, dann schwieg er.

„Was meinst du? Was ist schrecklich?“ Ich stieß an seine Schulter. „Na los, sag schon.“ Ich starrte auf den Streifen schwarzgrauer Stoppeln in Babas Nacken.

„Die Briefe …“, jammerte er. „Hättich sie bloß nich geles.“

„Was denn für Briefe? Wovon redest du?“

Langsam dämmerte mir, dass es einen konkreten Grund gab, warum Baba in den letzten Wochen so schlecht drauf gewesen war. Es war nicht nur eine seiner Phasen. Bestimmt hatte es mit diesen Briefen zu tun. Irgendetwas musste er darin gelesen haben, etwas, das ihn komplett aus der Bahn geworfen hatte. Ich musste unbedingt herausfinden, was das für Briefe waren. Konnte es sein, dass Julia ihm geschrieben hatte, nachdem wir achtzehn Jahren nichts von ihr gehört hatten? Warum hatte er mir nichts davon erzählt?

„Was ist los, Baba?“, drängte ich noch einmal, aber er sagte nichts. Plötzlich fing er an zu schluchzen. Sein Rücken bebte, sein vornübergebeugter Kopf wackelte hin und her, ein Klagelaut flatterte durch unsere Küche. Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken, langsam beruhigte er sich. Nach einer Weile atmete er gleichmäßig und bewegte sich nicht mehr.Dann fing er an zu schnarchen.

Das war’s dann wohl, heute würde ich nichts mehr aus ihm rausbekommen. Ich legte ihm von hinten die Arme um den Brustkorb und richtete ihn auf. „Na, komm, ich bring dich ins Bett.“ Als ich ihn in sein Zimmer verfrachtet hatte, legte ich ihn auf sein Bett. Einen Moment lang betrachtete ich den schnarchenden, schwarzen Mann auf dem weißen Laken. Dann fing ich an, nach den Briefen zu suchen.

Josh & Juli

Jakob Joshua Jablonsky hat das (schriftstellerische) Licht der Welt schon vor vielen Jahren erblickt, und zwar als Protagonist zahlreicher Kurzgeschichten in meinem Buch In Flagranti – Sprachspuren und Blickfänge, mit Gedichten, Kurzgeschichten und Fotografien. Nachdem Jablonsky für eine Weile untergetaucht war und schon als verschollen galt, stand der schräge Vogel eines Tages plötzlich wieder vor meiner Tür. Ich freute mich sehr, ihn wiederzusehen und so wurde er – zu meiner eigenen Überraschung – die Hauptfigur meines Romans Josh & Juli – 69 ½ erstaunliche Tage im Leben von Jakob Joshua Jablonsky.

Der Inhalt von Josh & Juli  Der Busfahrer Jakob Joshua Jablonsky sammelt Schirme. Er liebt Gedichte und Salzstangen. Und er liebt Eva. Als Eva ihn hinauswirft, fliegt ihm sein wohl geordnetes Leben um die Ohren und er weiß nicht, wo er hinsoll.

Doch da erreicht ihn ein Brief seines Großvaters: Hör zu, Du Pfeife! Du bist ziemlich am Arsch. Sie haben Dich gefeuert. Und Eva hat Dich vor die Tür gesetzt. Die Sache ist die: Der große Schiedsrichter wird mein Spiel bald abpfeifen und ich werde mir den Rasen von unten ansehen. Ich könnte Dir also meine Bude vermachen. Du kannst dort einziehen – unter einer Bedingung: Ich möchte, dass Du einmal am Tag etwas tust, das Du noch nie getan hast. Überleg es Dir!

Jablonsky hat keine Wahl, und so zieht er in das Sechs-Parteien-Haus ein. Anfangs tut er sich schwer, die Aufgabe des Großvaters zu erfüllen. Doch schon bald findet er Gefallen daran, jeden Tag etwas zum ersten Mal zu tun. Er spricht mit den Affen im Zoo. Er holt mit verbundenen Augen Brötchen. Er besingt die Gemälde einer Ausstellung.  Als er im Treppenhaus Juliana Blum begegnet, der Nachbarin mit dem Glockenlachen, läuft er zu Höchstform auf und umwirbt sie mit ungewöhnlichen Mitteln: Er versucht es mit einer Badewannenlesung. Mit einer Erdbeertörtchenschlacht. Mit einer roten Bügelsäge.

Kann er ihr Herz erobern? Immerhin sagt sie Josh zu ihm.

Das tut sonst niemand.

Die Geschichte einer unfreiwilligen Glückssuche wird in einem leisen, beinahe zärtlichen Tonfall erzählt. Verspielter Wortwitz und poetische Wärme färben den Text. Eine kleine Anleitung zum Ausbruch aus dem Alltag. Ein Lob der Fantasie.

Und vor allem: eine Liebesgeschichte. 

Obwohl der Roman bislang noch nicht veröffentlicht wurde, sind Auszüge daraus mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden (Nordhessischer Literaturpreis, Mountain Stories Literaturpreis) und in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen. Die Lesungen aus Josh & Juli machen immer großen Spaß, weil ich dabei in aller Regel ein schmunzelndes, grinsendes, kicherndes Publikum vor mir sehe, in dessen Köpfen ganz offensichtlich die Frage kursiert, was man denn in seinem Leben mal tun könnte, das man noch nie getan hat. Und warum man nicht schon längst damit angefangen hat.

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Josh & Juli

69 1/2 erstaunliche Tage im Leben von Jakob Joshua Jablonsky

1. Tag – Die Linie

Jablonsky stellt den Koffer neben sich auf dem Bürgersteig ab und blickt an der Fassade des Altbaus hinauf. Da oben rechts, das sind die Fenster seiner neuen Wohnung, zweiter Stock, Südseite mit Blick über die große Kreuzung. Sein Schulweg führte hier entlang, aber das ist lange her. Die Kebabbude an der Ecke ist neu, der Matratzenladen auch. Was seine Mutter wohl sagen wird, wenn sie erfährt, dass er wieder in der Stadt ist? Und dass Eva ihn verlassen hat?

Er nimmt den Koffer, zieht an dem goldenen Türknauf, den sein Großvater in all den Jahren sicher viele Male berührt hat und tritt durch die schwere Eingangstür. Vor ihm liegen die sieben oder acht Meter Flur, die er von nun an jeden Tag durchqueren wird. Im Halbdunkel erkennt er eine Treppe. An der Wand hängt eine Tafel, auf die jemand mit Kreide geschrieben hat: Sperrmüll am Mittwoch. Es riecht nach feuchten Wänden und nach fremden Menschen. Was machst du hier, Jablonsky? Er tastet in der Innentasche seines Mantels nach dem Brief seines Großvaters, dem Brief mit der Aufgabe. Etwas, dass er noch nie getan hat, ein Jahr lang, jeden Tag. Auch heute. Na ja, sagen wir ab morgen.

In seinem Kopf meldet sich die Stimme seines Großvaters zu Wort: Nichts da, knurrt sie, auch heute, mein Lieber. Lass dir was einfallen. Jablonskys Blick fällt auf das Stück Kreide unterhalb der Tafel. In seinem Kopf blitzt eine Idee auf. Er horcht, es ist still im Haus. Wann, wenn nicht jetzt? Er nimmt die Kreide, bückt sich und beginnt, eine Linie auf den gefliesten Boden zu zeichnen. Den Koffer hält er in der linken Hand, mit der Rechten zieht er die Linie durch den Flur, vorbei an der langen Reihe der Briefkästen. Vornübergebeugt schnauft er bei jedem Schritt. Er stößt auf die Treppe und lässt das Kreidestück Stufe für Stufe in den ersten Stock hinaufkriechen. Als er auf dem Treppenabsatz nach links abbiegen will, hört er ein Geräusch. Er hält inne und lauscht. Nein, da ist nichts. Halb sitzend, halb kriechend führt er die Linie fort, die Treppe in den zweiten Stock hinauf, zieht den Koffer nach, erreicht den Treppenabsatz und stößt hier auf ein Paar grüne Wanderschuhe, die seiner Linie ein Ende setzen.

Jablonsky betrachtet die derben Schuhe, die robusten Waden, die darin stecken. Er hebt den Blick, sieht eine weibliche Person über sich aufragen, ein imposantes Gebirge aus üppigen Hügellandschaften, eingehüllt in einen grasgrünen Poncho, auf dem tellergroße gelbe Blüten sprießen. Vom Gipfel dieses grünen Massivs strahlt ihm ein rotwangiges Lächeln entgegen, das sonniger kaum sein könnte.

„Blum“, zwitschert es fröhlich auf ihn herab. „Juliana Blum. Sie sind bestimmt der Neue, nicht wahr?“ Sie streckt ihre kräftige Hand zu ihm herunter.

Jablonsky ergreift die Hand, will sie wieder loslassen, doch Frau Blum hält sie fest. Etwas Angenehmes strömt aus ihrer Hand in seine – nein, es strömt nicht, es wächst wie eine Ranke, die seine Haut durchdringt, die sich entlang seiner Venen in seinem Körper ausbreitet, die sein Herz erreicht, es mit Blättern überzieht, mit weißen Blüten und mit einem Duft, der ihn schwindeln lässt. Frau Blum lacht ein glockenhelles Lachen, nun lässt sie los. Lacht sie ihn aus? Jablonsky möchte etwas sagen, etwas, das sein Verhalten erklärt. Er möchte aufstehen aus seiner lächerlichen Position auf den Treppenstufen, aber er wird am Boden gehalten, von der Schwerkraft, von seiner Beklemmung, von einem plötzlichen Gefühl der Lähmung. Er tut das Äußerste, wozu er imstande ist. Er zieht die angebrochene Tüte mit Salzstangen aus der Jackentasche und hält sie Frau Blum hin. Sie beugt sich zu ihm herunter und zieht drei Salzstangen aus der Tüte.

„Ich wohne über Ihnen.“ Frau Blum deutet mit den Salzstangen nach oben und lächelt. Jablonsky erwidert ihr Lächeln wortlos, sein Kopf ist leer, sein Herz rast. Schließlich hält er es für das Beste, sich wieder seiner Linie zuzuwenden. Mit dem Kreidestück zieht er einen Bogen um Juliana Blums Wanderschuhe und setzt die weiße Linie hinter ihr fort, bis sie die Wohnungstür auf der rechten Seite des zweiten Stocks erreicht. Gerade will er in der Wohnung verschwinden, da macht Frau Blum drei Schritte auf ihn zu: „Sagen Sie, das J“, sie streicht eine Strähne ihrer Goldhaare zurück und deutet mit ihrem Kopf auf das Namensschild, das sein Großvater für ihn neben der Tür angebracht haben muss, „Jakob J. Jablonsky, wofür steht das J?“

Jablonskys blickt zu dem Schild und wieder zurück zu Frau Blum, er sagt: „Joshua.“

„Joshua“, wiederholt Frau Blum bedächtig. Sie schmatzt leise, als würde sie seinen Namen abschmecken. Dann sagt sie: „Ich werde Sie Josh nennen.“ Sie nickt bekräftigend. „Also, Josh, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. Ich drehe eine Runde durch den Wald.“ Damit stapft sie entlang seiner Linie die Treppe hinunter.

Jablonsky schließt auf und betritt die Wohnung seines Großvaters.

Als Erstes macht er die Fenster weit auf.

  1. Tag – Im Wald

Ungewohnte Geräusche reißen Jablonsky aus einem abstrusen Traum. Eva tauchte darin auf, sie war nackt. Einen Moment lang weiß er nicht, wo er ist. Vom Bett aus schaut er sich im Zimmer um. Er sieht fremde Möbel, Sonnenflecken auf altmodischen Vorhängen, seinen geöffneten Koffer, der auf einem Stuhl liegt. Die Wohnung ist zu voll. Jablonsky nimmt sich vor, einige Möbel des Großvaters in den Keller zu bringen.

Nun sind wieder die Geräusche zu hören, sie kommen von oben, aus der Wohnung von Frau Blum. Jablonsky findet, dass sie etwas Tröstliches haben. Frau Blum lässt das Wasser laufen, Frau Blum geht hin und her, Frau Blum benutzt ihren Staubsauger.

Jablonsky nimmt den Zettel vom Nachttisch und liest noch einmal die Nachricht seines Großvaters, die er gestern auf dem Küchentisch gefunden hat: Lieber Jakob, schön, dass Du gekommen bist. Füll bitte die Postkarte aus und schick sie ab. Viel Glück! Er betrachtet die Karte, sie ist adressiert an Notare Ebeler und Söhne. Der Text ist vorgeschrieben: Hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich am – es folgt eine kleine Lücke –  die Wohnung von Herrn Böhm bezogen habe. Darunter eine Linie für die Unterschrift. Jablonsky setzt sich im Bett auf, trägt das Datum von gestern ein, 26. Juli, und unterschreibt. Dann streckt er sich, steht auf und schlüpft in seine Kleider.

Beim Bäcker an der Ecke holt er Croissants, Butter und Marmelade, auf dem Weg wirft er die Karte an den Notar ein. In den Vorräten des Alten findet er schwarzen Tee. Als er beim Frühstück sitzt, fällt sein Blick auf ein Foto. Es steht im offenen Fach des alten Küchenschranks, sein Großvater ist darauf zu sehen. Er sitzt auf einer Bank, hat beide Hände auf einen Stock gelegt und das Kinn auf die Hände gestützt. Verschmitzt lächelt er Jablonsky entgegen. Du wirst das schon machen, scheint er zu sagen.

Jablonsky beißt die Spitze des Croissants ab, streicht Butter und Marmelade auf die Stelle und beißt noch einmal ab. Er könnte es sich einfach machen. Er könnte sagen: Ich bin heute zum ersten Mal im Bett meines Großvaters aufgewacht. Fall erledigt. So haben wir nicht gewettet, mein lieber Freund, hört Jablonsky seinen Großvater brummen. Fast ist ihm, als würde der alte Mann auf dem Foto tadelnd den Kopf schütteln. Also schön. Was könnte er stattdessen tun?

In der oberen Etage klappert eine Wohnungstür. Bestimmt die Tür von Frau Blum. Jetzt hallen ihre Schritte durch den Hausflur. Die Begegnung auf der Treppe fällt ihm ein, Frau Blums munteres Lächeln. Der Satz, den sie gesagt hat: Ich drehe eine Runde durch den Wald. Eine gute Idee, denkt er, vielleicht läuft er ihr im Wald sogar über den Weg. Er zieht die festen Schuhe an und verlässt wenig später das Haus. Frau Blum hatte Recht. Es ist nur ein kurzer Marsch durch die Straßenschluchten, dann liegt der Lärm der Stadt hinter ihm. Er erreicht einen ansteigenden Weg, der sich durch einen lichten Wald aus Buchen windet, bald verlässt er den Weg, geht zwischen Bäumen hindurch über federnden Waldboden. Als er weit genug von allen Wegen entfernt ist, bleibt er stehen und lauscht. Er ist allein. Und nun? Was könnte er tun, das er noch nie getan hat? Jedenfalls wird er jetzt bestimmt keinen Baum umarmen.

Ich könnte mich für einen Moment ins Laub legen, denkt er.

Das ist nicht gerade eine große Sache, hört er die Stimme seines Großvaters, aber meinetwegen, für den Anfang soll es reichen.

Und wenn es hier Zecken gibt?, fällt ihm ein. Oder wenn es feucht ist von unten?

Du meine Güte, knurrt sein Großvater, nun stell dich nicht so an.

Etwas unschlüssig steht er da. Dann tut er es: Jablonsky legt sich ins Laub. Es raschelt, es ist weich. Er schließt die Augen. Es riecht nach Moos und nach Pilzen, nach Vergänglichkeit und nach Wachstum. Der Mantel wird schmutzig, denkt er. Er spürt, wie ein Insekt auf seiner Wange landet, vielleicht eine Fliege. Die Fliege macht ein paar Schritte in Richtung Kinn, winzige Fliegenbeine tapsen über seine Haut, es kitzelt. Durch das Blattwerk fällt ein Sonnenstrahl auf sein Gesicht. Orangenes Licht dringt durch seine geschlossenen Lider, es wird hell und warm. Über ihm wispern tausend Blätter, als wollten sie ihm ein Geheimnis verraten.

Plötzlich muss er an Eva denken. Wenn sie ihn so sehen könnte. Du hast sie ja nicht alle, würde sie sagen. Sie fehlt ihm, ihr Duft, die rauchige Stimme. Jablonsky liegt da und fragt sich, warum es schief gegangen ist mit Eva. Vielleicht waren sie sich zu nah. Oder sie waren sich nicht nah genug. Die Kunst des richtigen Abstands, darin sind die Bäume Meister. Er blickt hinauf zu den Buchen, die um ihn herum stehen, nah genug, um einander Halt zu geben und weit genug, um einander Platz zu lassen. Was wir von den Bäumen lernen können, denkt er.

Er steht auf und klopft sich die Kleider ab. In seiner Manteltasche findet er das Stück Kreide, das er gestern im Hausflur eingesteckt hat. Er holt es heraus und schreibt ein Wort auf den Stamm einer Buche: BAUMSCHULE.

  1. Tag –  Der Kaugummi

Jablonsky geht in den nahe gelegenen Supermarkt. Er schiebt den Wagen durch die Gänge und legt Salzstangen hinein, Butter, Salami, Eier, Brot. Am Vormittag hat er die Vorratskammer seines Großvaters aufgeräumt. Alle angebrochenen Packungen hat er weggeworfen, all die Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum. Den Kühlschrank hat er geleert und sauber gemacht, nun kauft er eine neue Grundausstattung, Reis, Mehl, Nudeln und so weiter. Auf dem Weg zur Kasse kommt er an einem Regal mit Süßwaren vorbei. Er bleibt stehen. Die Aufgabe fällt ihm ein, etwas, dass er noch nie getan hat. Er schaut sich um, es ist niemand zu sehen. Seine Hand löst sich vom Griff des Wagens, nimmt eine Packung Kaugummi, tut so, als würde sie das grüne Päckchen in den Wagen legen, verbirgt sie stattdessen zwischen gestreckten Fingern, fährt in die Jackentasche und lässt die Kaugummis hineinfallen. Er fängt an zu schwitzen.

Jablonsky geht zur Kasse. Sein Puls pocht bis in die Schläfen, während er die Waren auf das Band legt.

Plötzlich sagt hinter ihm eine Frauenstimme: „Hey, Sie da!“

Er erstarrt in seiner Bewegung. Jablonsky fühlt sich wie ein Kaninchen, das von einer hungrigen Löwin aufgespürt wurde. Gleich wird sie ihm die scharfen Krallen in den Nacken schlagen. Langsam dreht er sich um, in der linken Hand einen Beutel mit Kartoffeln, in der rechten eine Avocado.

Hinter ihm in der Schlange steht Frau Blum aus dem dritten Stock. Das war sie! Sie muss ihn beobachtet haben, und nun hat sie ihn erschreckt, mit Absicht. So eine Frechheit. Wie ein hoch aufragender Fels steht sie da, einen halben Kopf größer als er, hält eine Flasche Milch und zwei Bananen in den Händen und grinst ihn an.

„Hallo Herr Nachbar“, flötet sie. Sie beugt sich vor und raunt ihm zu: „Sie sind Anfänger, stimmt’s? Wenn sie sich weiter so dilettantisch anstellen, dann geht das beim nächsten Mal schief. Der Ladendetektiv hier kann sehr unangenehm werden.“

Als Jablonsky und Frau Blum bezahlt haben, gehen sie zusammen nach Hause.

„Sie können mich doch nicht so erschrecken“, beschwert er sich, als sie an einer roten Ampel warten müssen. „Mir wäre fast das Herz stehen geblieben.“

„Jetzt seien Sie nicht gleich beleidigt“, sagt Frau Blum, „Sie müssen cool bleiben beim Klauen. Die Schuldgefühle ablegen. Und wenn Sie schon klauen, dann richtig. Eine gute Flasche Wein. Ein Päckchen Kaffee. Aber doch keinen Kaugummi.“

Jablonsky räuspert sich. „Hören Sie, ich habe noch nie etwas geklaut.“

„Wirklich?“ Frau Blum zieht die Stirn kraus. „Na, dann wurde es aber Zeit.“

„Das klingt ja so, als würden Sie andauernd etwas mitgehen lassen.“

„Na ja, was heißt schon andauernd?“ Die Ampel springt auf Grün, Frau Blum setzt sich in Bewegung, Jablonsky folgt ihr. „Andere klauen auch. Lohmann zum Beispiel, der ist ein richtiger Profi. Was der aus dem Laden rausschleppt, das ist phänomenal.“

„Lohmann?“ Er nimmt die schwere Tüte von einer Hand in die andere und sieht Frau Blum von der Seite an. „Wer ist Lohmann?“

Frau Blum bleibt neben einer Litfasssäule stehen. „Sie wissen nicht wer Lohmann ist?“ Ein bisschen ungläubig schaut sie ihn an und blinzelt dabei gegen die Sonne. Das steht ihr gut, findet Jablonsky. „Lohmann lebt in der Wohnung neben Ihnen. Er ist freier Journalist, verheiratet, zwei Söhne, und immer knapp bei Kasse. Ich mag ihn nicht besonders. Lohmann schnüffelt überall herum. Aber das ist vielleicht eine Art Berufskrankheit. Er hat viel mit Ihrem Großvater zusammengesessen.“ Frau Blum wendet sich um und geht weiter. Jablonsky beeilt sich, mit ihr Schritt zu halten. Vor der Haustür bleibt sie wieder stehen und sagt: „Na schön, Josh, ich denke, ich sollte es Ihnen erzählen. Ich habe da ein Gespräch belauscht. Es war reiner Zufall. Ich saß im Hof unter der Birke, da standen Lohmann und Ihr Großvater bei den Mülltonnen und unterhielten sich. Ich habe nicht viel verstanden, aber es fiel mehrmals Ihr Name. Es klang so, als ob der alte Böhm Lohmann um etwas bitten wollte. Und Lohmann eierte rum, also, ich weiß nicht, lassen Sie mich darüber nachdenken, so was in der Art. Irgendwas haben die da ausgeheckt. Aber fragen Sie mich nicht, was es war.“

Frau Blum sieht ihn einen Moment lang an, dann drückt sie die Haustür auf und geht hinein. Er folgt ihr.

Der Brief, denkt er, während sie die Treppe hinaufsteigen. Vielleicht hat Lohmann den Brief seines Großvaters für ihn eingeworfen, nach seinem Tod.

„Also dann, Josh.“ Frau Blum bleibt schnaufend vor Jablonskys Tür stehen. „Schönen Tag.“ Damit stapft sie die Treppe zum dritten Stock hinauf.

Jablonsky geht hinein und packt seine Tasche aus. Die Kaugummis wirft er weg.

Er mag keine Kaugummis.