Tage am
Fluss
»Diese Zeit ruft nach Geschichten wie
dieser. Stark und stärkend, voller Lust am
Leben. Große Empfehlung!«
LUISA NEUBAUER
„Dieser Roman ist wie ein Fluss: mal sanft
und liebevoll, mal wild und unberechenbar, aber immer mitreißend und bewegend.«
ALINA BRONSKY
Der Roman Tage am Fluss erscheint im Juli 2026 bei KiWi und gleichzeitig als Hörbuch bei Argon. Das E-Book ist bereits ab 1. Juni erhältlich.
Tage am Fluss An einem heißen Sommertag strandet auf der Fähre von Sara Harmsen ein verletzter junger Mann. Die menschenscheue Fährfrau nimmt Leon mit auf ihren abgelegenen Hof am Fluss und ahnt nicht, wie sehr diese Begegnung schon bald all ihre sorgsam errichteten Mauern ins Wanken bringen wird.
Ein flirrender Sommer, zwei verletzte Seelen, eine Begegnung die alles verändert
Sara Harmsen lebt mit sieben Hühnern, drei Schafen und der Hündin Luna am Fluss und betreibt eine kleine Fähre, die das nahegelegene Dorf Erlengrund mit dem Rest der Welt verbindet. Das abgelegene Fährhaus liegt auf einem halbmondförmigen und fruchtbaren Stückchen Land in einem Bogen des Flusses. Dieser verwunschene Ort wird in der ganzen Gegend Grüner Mond genannt.
Eines Tages taucht auf Saras Fähre ein junger Mann mit einer Kopfverletzung auf, Leon, ein Idealist und Weltverbesserer mit einer tiefen Verehrung für Bäume und der quälenden Sorge, dass die Menschheit ihren Planeten ruiniert. Er gehört zu einer Gruppe von Umweltaktivisten aus Hamburg, die ein Waldstück unweit von Saras Fähre besetzt hat, um die alten Bäume zu retten und eine Autobahn zu verhindern. Bei der Räumung der Waldbesetzung durch die Polizei hat Leon einen Brandsatz auf ein Polizeifahrzeug geworfen und wird deswegen gesucht.
Sara verarztet den jungen Mann und versteckt ihn bei sich, dafür verlangt sie, dass er ihr bei den Arbeiten rund um ihr verwahrlostes Haus am Fluss hilft. Beim Scheren der Schafe, bei der Reparatur des Hühnerstalldachs oder beim Sensen der Obstwiese kommen sich die beiden zögerlich näher. Dabei gibt es einige Vorbehalte zu überwinden, und auch die Umstände sind widrig: Sommerliche Hitze und ein launisches Hühnerorakel, leises Knistern und laute Wortgefechte, Gedichte von Brecht und eine gescheiterte Reise nach Sansibar. Und dann tritt auch noch der Fluss über die Ufer.
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Tage am Fluss – Roman
1.
Das Geräusch gehörte nicht hierher. Wie ein falscher Ton wehte es mit der Sinfonie der frühen Stunde durch das Fenster herein, ein Schaben, so als würde jemand über ein Brett kratzen. Sara Harmsen stützte sich auf die Unterarme. Da war das Rauschen des Flusses, das verschlafene Gackern der Hühner im Stall, das Zetern einer Amsel. So hatte das schon geklungen, als sie noch ein Kind gewesen war. Nach heiler Welt, nach Frieden. Als gäbe es den Kampf nicht, der da draußen auf sie wartete.
Wie lange sie wohl schon wach lag? Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht, der Pyjama klebte ihr am Körper. Und außerdem tat ihr der Rücken weh, ein Ziehen in den Lendenwirbeln. Das war die Quittung für die Birke, die sie gestern gefällt hatte, für die stundenlange Arbeit mit Axt und Kettensäge. Früher hatte ihr das nichts ausgemacht. Heute bekam sie davon Rückenschmerzen. Das waren die Vorboten des Alters, da machte sie sich nichts vor. Noch war es das gelegentliche Heulen eines fernen Sturms, aber sie ging auf die Fünfzig zu und spürte, dass dieser Sturm allmählich näherkam.
Vielleicht konnte sie noch einmal in den Schlaf zurückfinden, nur für eine halbe Stunde. Sie sollte sich auf das Schnaufen neben ihr konzentrieren. Der muskulöse Körper an ihrer Seite beruhigte sie, das Fell, der Geruch nach Tier. Wie sich das wohl anfühlte, ein Fell zu haben? Keine Kleider mehr, keine Schuhe. Alles wäre so viel einfacher. Ein Tier müsste man sein. Eine Bärin vielleicht. Oder eine Raubkatze. Aber sie war kein Tier. Sie war eine Frau, die nicht schlafen konnte, die darauf wartete, dass die Sonne aufging.
Da war es wieder, das Schaben von vorhin. Sara Harmsen setzte sich im Bett auf und lauschte. Ihr Puls pochte dumpf. Was zum Teufel war das? Hatte Luna nichts davon mitbekommen? Sie schlief weiter, als wenn nichts gewesen wäre, das schwarzbraune Fell hob und senkte sich, ihr kantiger Kopf ruhte auf den Vorderläufen. Früher hätte sie so ein Kratzen alarmiert. Sie hätte die Ohren aufgestellt, hätte den Kopf gehoben und angeschlagen. Aber auch Luna wurde älter. Was sollte bloß werden, wenn sie eines Tages nicht mehr da war? Was für eine Vorstellung, ein Leben ohne Luna, du meine Güte.
Wieder klang das Schaben herauf, die Hühner wurden unruhig. Jetzt hatte es auch Luna gehört. Sie reckte den Kopf, ihre Muskeln spannten sich. Die Hündin hob die Nase und schnupperte, dann sprang sie auf und kratzte winselnd an der Tür.
Irgendetwas stimmte da nicht. Das Blut stieg Sara Harmsen in die Wangen, es kribbelte und pulsierte, mit einem Ruck schob sie die Bettdecke beiseite. Auf ihrem Weg zur Tür stieß sie mit den Zehen gegen einen der Bücherstapel, der Schmerz war stechend. Während Luna schon die ausgetretenen Treppenstufen hinunterstürzte, tapste Sara oben im Flur gerade erst an Jans Tür vorbei. Unten schlüpfte sie in die grünen Gartenschuhe, Luna bellte ungeduldig. Jetzt mach schon auf, schien sie zu drängeln.
„Ja doch, sofort.“
Sara trat auf den Treppenabsatz vor dem Haus. Aus dem Stall drang das Angstgeschrei der Hühner herüber und stellte ihr die Nackenhaare auf. Mit ein paar Sätzen war Luna beim Hühnerstall, sie bellte wie von Sinnen. Saras Blick fiel auf die drei fehlenden Pfannen, auf das Loch im Dach. Warum hatte sie das nicht längst repariert, Herrgott nochmal!
Sie nahm das Jagdgewehr ihres Vaters vom Haken hinter der Haustür, rannte im Pyjama zum Stall und riss die Tür auf. Sieben Hühner und ein orangebrauner Schatten wirbelten darin herum wie in einem Schleudergang, es war ein Flattern und Schnappen auf Leben und Tod. Sie hob das Gewehr und visierte das bewegte Ziel an, aber bevor sie zum Schuss kam, zischte das Fellbündel an ihr vorbei und suchte das Weite. Luna folgte ihm mit empörtem Gebell.
Sara stellte das Gewehr ab, die Hühner gackerten aufgeregt.
„Ist ja gut, meine Lieben. Der Fuchs ist weg, alles ist gut.“
Sie ließ sich auf der Schicht aus Sägespänen, Futterresten und Exkrementen nieder, die den Stallboden bedeckte. Mit einem Gurren versuchte sie, die Tiere zu beruhigen und zu sich zu locken. Als Erste stakste Siwa heran, gefolgt von Dodona. Die beiden schienen okay zu sein, vielleicht war es nochmal gut gegangen. Doch dann sah Sara, was passiert war: Der Fuchs hatte Didyma erwischt. Ausgerechnet Didyma. Das Huhn blutete aus einer Bisswunde am Hals, es näherte sich mit wackeligen Schritten. Sara nahm das Tier auf den Schoß und streichelte ihm über den Rücken.
„Das sieht böse aus, Schätzchen.“
Ein rotes Rinnsal sickerte über die Federn. Saras Hände wurden blutig, es tropfte auf ihren Pyjama. Das Huhn zitterte und gab Klagelaute von sich.
„Verfluchter Fuchs“, murmelte sie in die weichen Federn.
Sara trug Didyma nach draußen. Sie wiegte ihr Lieblingshuhn, ging auf und ab, summte eine Melodie und spürte die Wärme des Körpers. Das Zutrauen, das dieses Tier in sie setzte, die Hoffnung auf Hilfe. Schließlich blieb sie neben dem Hauklotz stehen, in dem noch die Axt steckte, mit der sie gestern das Birkenholz in Scheite gespalten hatte.
„Scht, scht“, machte Sara und streichelte Didyma über den Rücken. Sie mochte die Hühner, weil sie ihr vertrauten. Weil sie aufrichtig waren. Bei einem Menschen konnte man nie wissen, was sich hinter dem Lächeln verbarg. Was die wahre Absicht hinter den schönen Worten war. Ein Huhn kannte keine Lügen.
„Ist ja gut“, raunte Sara in Didymas Federkleid, „ist ja gut.“
Einen Moment lang stand sie mit dem Huhn im Arm da und presste die Lippen aufeinander. Es half nichts. Mit einer schnellen Bewegung packte sie Didyma an den Beinen, löste mit der anderen Hand die Axt aus dem Hauklotz, legte den Körper auf das Holz und trennte den Kopf mit einem Hieb vom Körper. Ihre Brust zog sich zusammen, als hätte sie sich einen Teil ihres eigenen Körpers abgehackt. Als wäre nicht Didymas Kopf neben dem Hauklotz zu Boden gefallen, sondern ihre linke Hand, als würde das Blut, das über das Holz floss, nicht aus dem zuckenden Körper des Huhns sickern, sondern aus dem Stummel ihres Arms.
2.
Die Sonne schob sich über den Horizont, es musste kurz nach halb sechs sein. Das Morgenlicht fiel auf das kopflose Huhn, das Sara zum Ausbluten an den Türknauf des Stalls gehängt hatte, auf die roten Flecken, mit denen ihr Pyjama übersät war, auf das Blut an ihren Händen und Armen.
Sara ging runter zum Fluss, hockte sich neben dem Steg ans Ufer und hielt die blutigen Hände ins Wasser. Ihr Spiegelbild schaute ihr entgegen, das schmale Gesicht, umrahmt von dem schwer zu bändigenden Rotschopf. Andere Bilder legten sich darüber, die fehlenden Dachpfannen, der Fuchs im Hühnerstall, der abgetrennte Kopf, all das verschwamm in der Strömung zu einer flirrenden Doppelbelichtung. Sara blinzelte, aber es half nicht. Sie war verantwortlich für Didymas Tod, so war es nun mal. Diese Schuld klebte an ihr wie Didymas Blut.
Sara rieb und schrubbte an ihren Fingern bis der Fluss auch die letzten Blutspuren aufgenommen hatte, so wie er alles und jedes geduldig aufnahm und es forttrug in Richtung Meer, all den Schmutz, all die Angst und all den Schmerz.
Sie setzte sich ein Stück oberhalb auf die Kieselsteine, stützte die Arme auf die Knie und schaute flussabwärts, wo ihre blauweiße Fähre am Anleger vertäut war. Wie weit sich der Fluss zurückgezogen hatte! Hier, wo sie jetzt saß, stand normalerweise die ganze Böschung unter Wasser, und der Fluss rauschte breit und kraftvoll. Nun floss er träge dahin. Er war noch immer ein stattliches Gewässer, aber in der Hitze sank der Pegel von Tag zu Tag. Vor zwei Wochen war der Schiffsverkehr eingestellt worden, und wenn es nicht bald regnete, würde sie auch die Fähre nicht weiter betreiben können. Ihre Einnahmen würden ausbleiben. Und was dann? Wovon willst du dann leben, Sara Harmsen, wie willst du zurechtkommen?
Sara ging zurück zum Hühnerstall, nahm das kopflose Huhn vom Türgriff und brachte es in die Küche. Als sie die Schüssel mit dem Huhn in den Kühlschrank schob, blieb ihr Blick an der Tür des Eisfachs hängen. Komm schon, nur ein kleiner Schluck, sagte sie sich. Auf den Schreck. Sie holte die Flasche heraus und setzte sie an. Wie gut das tat, dieses kühle Strömen, das den Knoten in ihrem Inneren löste. Einen Augenblick stand sie da und hielt die Augen geschlossen.
Sie ging hoch in ihr Zimmer und tauschte den blutbefleckten Pyjama gegen Hemd und Latzhose. Als sie kurz darauf wieder in der Küche stand, stürmte Luna herein. Sie war ohne Beute von ihrer Fuchsjagd zurückgekehrt und bellte und winselte abwechselnd, so als wollte sie sagen: Komm mal mit, ich muss dir was zeigen.
Sara beugte sich runter und kraulte ihr den Hals.
„Hast du die Stelle gefunden, wo der Halunke über den Zaun ist? Braves Mädchen! Na komm, zeig sie mir!“
Der Zaun gehörte zu den wenigen Dingen, für die sie ihrem Vater bis heute dankbar war. Aber vielleicht lag das auch daran, dass sie nicht nur den Zaun von ihm geerbt hatte, sondern auch seinen Glauben an das Schlechte, der so einen Zaun überhaupt erst nötig machte. Ihre Mutter hatte den Zaun gehasst. Wir leben hier wie in einem Hochsicherheitstrakt, hatte sie geschimpft. Es war ein Wildschutzzaun, zwei Meter zwanzig hoch und mit einem dichten Drahtgeflecht, der obere Teil nach außen abgeknickt und mit Stacheldraht bewehrt. In einer schnurgeraden Linie führte er von der Kaimauer des Fähranlegers bergauf und dann auf der anderen Seite des Buckels herunter, bis er schließlich nahe der Badestelle wieder am Fluss ankam. Dieser Zaun trennte das halbrunde, in die Biegung des Flusses geschmiegte Stück Land von einer feindseligen Außenwelt, er schützte es vor unliebsamen Besuchern, vor Neugierigen und vor allem anderen Übel, das da draußen kreuchte und fleuchte. Und natürlich vor dem Fuchs. Eigentlich.
Luna führte sie hoch zum Gemüsegarten und zeigte ihr die Stelle, wo der Fuchs aufs Grundstück gekommen war. Er hatte sich unter dem Zaun durchgegraben, eine ziemlich Leistung, bei dem knochentrockenen Boden. Als Sara das Loch wieder aufgefüllt und die Erde mit Steinen bedeckt hatte, zeigte die Sonne bereits ihre ganze Kraft. Ihr lief der Schweiß über den Rücken.
„Guck dir mal an, wie wir aussehen.“ Sara warf Luna einen kopfschüttelnden Blick zu und klopfte sich den Staub von der Latzhose. Gerade heute hätte sie das morgendliche Bad im Fluss gut gebrauchen können. Aber dafür war sie zu spät dran.
„Na komm, jetzt gibt es Frühstück.“
Wenig später trat Sara mit einem Tablett in den Händen durch die Haustür und freute sich auf Brot mit Rührei und auf grünen Tee. Vor dem Haus empfing sie das Gackern der Hühner, die scharrend über den Hof staksten, als hätten sie das Drama mit dem Fuchs längst vergessen. Oder als würden sie gleichmütig hinnehmen, was nun mal nicht zu ändern war.
Sara stellte das Tablett im Schatten der großen Linde auf den Tisch und ließ sich auf einem der Stühle nieder, Luna legte sich hechelnd neben ihr ins Gras.
Zeit für das Hühnerorakel. Sara schloss die Augen. Vor ihr lag der Weg, der von hier aus am Hühnerstall vorbei bis zum Fluss runterführte und das Gelände in zwei Bereiche teilte. Die entscheidende Frage war: Hielt sich die Mehrzahl der Hühner links vom Weg auf – was einen guten Tag ankündigte – oder hielt sie sich rechts davon auf und Sara musste mit dem Schlimmsten rechnen? Die Zuverlässigkeit dieser Vorhersage war erstaunlich. Fast immer passierten im Laufe des Tages Dinge, die Sara eindeutig dem Orakel zuordnen konnte. Kein Wunder – bei dem Orakel, schoss es ihr dann durch den Kopf. Zwar konnte sie es weder beweisen noch erklären, aber von der prophetischen Gabe ihrer Hühner war sie felsenfest überzeugt. Deshalb hatte sie die Legehennen nach sieben griechischen Orakelstätten benannt: Ephyra, Olympia, Dodona, Delphi, Klaros, Didyma und Siwa.
Sara öffnete ihre Augen. Drei der Hühner pickten links des Wegs und die anderen drei rechts davon. Ein Hühnerorakel mit sechs Hühnern, das konnte ja nicht funktionieren. Sie würde sich wieder ein siebtes Huhn anschaffen müssen. Und sie würde es wieder Didyma nennen. Wenn der Geist von Didyma hier noch irgendwo herumstakste, dann suchte er ganz bestimmt rechts des Weges nach Futter. Der Tag, an dem sie ihr Lieblingshuhn hatte schlachten müssen, konnte kein guter Tag werden.
Sara beugte sich über ihren Teller, nahm das Brot mit Rührei in beide Hände und biss davon ab. Siwa kam über den Hof heranstolziert, sie strich ihr pickend um die Beine. Sara leckte sich die Finger ab und kraulte dem Huhn den Rücken, eine Geste, die Siwa mit inbrünstigem Gackern quittierte. Auch Olympia und Delphi näherten sich nun mit schlackernden Kehlkopflappen, um nachzusehen, was es hier gab. Kurz darauf scharrten und pickten alle sechs Hühner zu ihren Füßen.
„Danke für die Eier.“ Sara nickte ihren Legehennen zu.
Siwa streckte sich und schlug mit den Flügeln. Und dann flatterte das Huhn plötzlich auf und landete gekonnt auf Saras Schoß. Im ersten Moment zuckte Sara zurück, aber dann legte sie ihre Arme um das leise gackernde Huhn und streichelte es.
„Du bist mir vielleicht eine Schmusebacke!“
Sara fuhr mit den Fingern durch Siwas Federkleid und genoss die Ruhe, die das Huhn ausstrahlte. Sie musste an Jan denken, daran, wie gern er die Hühner gehabt hatte. Wie er mit ihnen geredet hatte, wie in einer fremden Sprache. Als Siwa von ihrem Schoß sprang, schreckte Sara aus ihren Gedanken hoch. Himmel, sie hatte die Zeit vergessen. Sie wischte sich über das Gesicht. Um sieben musste sie an der Fähre sein, jetzt aber los!
3.
Sara stapfte zum Fluss runter und folgte dann dem Trampelpfad in Richtung Anleger, immer am Wasser entlang. Die Provianttasche hatte sie geschultert, Brote, Tomaten, ihr Mittagessen, und vor allem ausreichend Trinkwasser – das war das Wichtigste bei dieser Hitze. Schon von Weitem konnte sie erkennen, dass die ersten Fahrgäste bereits an der Fähre warteten. Auch Luna hatte verstanden, dass sie es eilig hatten. Sie rannte voraus bis zu der vergitterten Tür, dort ließ sich die Hündin auf ihr Hinterteil fallen und wartete mit heraushängender Zunge auf Sara.
Sara schloss auf, nun waren es nur noch wenige Schritte bis zum Anleger auf der anderen Seite des Wildschutzzauns. Im Gehen wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, sie war zu spät. Keine zehn Minuten, aber eben doch zu spät. Das war vor allem für Emil und Pia ein Problem, die jeden Morgen die Fähre nutzten, um von Erlengrund zum Gymnasium in die Stadt zu kommen. Auch Felix Kowalsky und zwei, drei andere Leute aus Erlengrund, die auf der anderen Seite des Flusses einer Arbeit nachgingen, verließen sich darauf, dass die Fähre pünktlich um sieben Uhr ablegte. Und normalerweise konnten sie das auch.
Außer Emil und Pia hatten sich heute Morgen drei weitere Personen an dem Fahnenmast mit dem wappenförmigen Schild versammelt, auf das ihr Vater vor vielen Jahren die Worte Anlegestelle Grüner Mond gepinselt hatte. Da war ein junges Pärchen mit Packtaschen an den Fahrrädern, die Frau studierte gerade die Tafel mit den Fährzeiten und den Preisen für die Überfahrt. Und da war Mieke Petersen, Saras Grundschullehrerin aus Erlengrund, die an jedem Montag- und Donnerstagmorgen zum Hallenbad in der Stadt radelte, um dort ihre Wassergymnastik zu machen. Wie alt war Mieke jetzt? Sicher an die achtzig. Es war schon erstaunlich, dass sie solche Strecken immer noch mit dem Rad bewältigte. Aber vielleicht war sie auch nur deshalb so rüstig, weil sie sich überwiegend aus eigener Kraft fortbewegte.
„Tachchen Sara.“ Mieke nickte ihr zu und stützte sich mit beiden Armen auf den Lenker ihres Fahrrads. „Dass du mal zu spät bist! Muss ich mir Sorgen machen? Kowalsky und die anderen sind schon wieder weg. Die sind mit dem Auto runter nach Niederbreden, zur Brücke. Kowalsky hat getobt, na ja, du kennst ihn ja. Immer höflich, immer korrekt, aber wenn irgendwas nicht nach Plan läuft, dann verliert er die Fassung.“ Mieke sah sie kopfschüttelnd an. „Ich hab noch zu ihm gesagt: Warum gehst du nicht rüber zu Sara und klingelst bei ihr? Aber das wollte er nicht.“
Eilig schloss Sara das Gatter auf, das auf den schwimmenden Anleger führte. Es schepperte, als sie den Metallsteg zur blauweißen Fähre runterstapfte und die Kette öffnete, damit die Fahrgäste an Bord gehen konnten. Als die beiden Schulkinder sich mit ihren Rucksäcken an ihr vorbeidrückten, blieb Emil kurz stehen und blinzelte gegen die Sonne zu ihr hoch.
„Du bist zu spät“, sagte er ernst.
Ja, du meine Güte. Da war sie ein einziges Mal zu spät, und schon musste sie sich von einem elfjährigen Schlaumeier solche Sprüche anhören. „Mach du mal lieber voran, sonst wird es noch später“, fuhr sie Emil an.
Emil zuckelte weiter und die drei Erwachsenen schoben ihre Räder an Bord. Maximal zwölf Personen konnte sie transportieren, zusammen mit ihren Rädern. Aber es kam nicht oft vor, dass ihre Fähre voll besetzt war.
Als alle an Bord waren, legte Sara die Kette wieder vor, löste die Vertäuung und ging rüber zu ihrem hölzernen Führerhaus, wo Luna schon ihren angestammten Platz in ihrem Körbchen eingenommen hatte. Mit dem Steuerrad betätigte sie die Winden für die Gierseile, sodass sich die Fähre schräg in die Strömung stellte und über den Fluss glitt.
Während der Überfahrt hielt sich Sara unter dem Sonnensegel vor ihrem Führerhäuschen auf. Das war der beste Ort an heißen Tagen wie diesem. Sie stützte sich mit den Ellbogen auf die Reling und schaute über den Fluss. Am Anleger auf der anderen Seite fuhr gerade der Linienbus ab, der einmal in der Stunde von dort in die Stadt fuhr, und der normalerweise auch Emil und Pia zur Schule gebracht hätte. Heute würden sie ihn verpassen. Und auch Felix Kowalsky, Physiklehrer am Heinrich-Böll-Gymnasium, würde heute zu spät zum Unterricht kommen. Eine Blamage für den Studienrat, der von seinen Schülern strickte Pünktlichkeit verlangte. Nur den beiden jungen Leuten mit den Fahrrädern war das alles egal, sie saßen auf einer der Bänke und turtelten miteinander wie ein frisch verliebtes Paar.
Hier an dieser Reling hatte schon ihr Vater während der Überfahrt gelehnt. Manchmal, wenn er sie mit auf die Fähre genommen hatte, dann hatten sie hier nebeneinandergestanden, die Arme auf dem Geländer, den Blick auf dem Fluss. Guck mal, eine Forelle, hatte er irgendwann gesagt und ins Wasser gezeigt, und Sara hatte den Rauch seiner Selbstgedrehten eingesogen, hatte den Vater neben sich gespürt und sich gut gefühlt.
Mieke Petersen kam zu ihr rüber und stützte sich neben ihr auf das Metallgeländer. Ihre dünnen grauen Haare wehten im Fahrtwind, die Hände hatte sie gefaltet. Eine Weile lehnten sie schweigend nebeneinander an der Reling, so wie sie früher mit ihrem Vater. Sara genoss die Nähe zu der alten Frau. Es war eine Nähe, die einfach da war, und die nicht viele Worte brauchte. Sie mochte das, das gab es nicht oft.
Saras Leben wäre anders verlaufen, wenn Mieke Petersen nicht gewesen wäre. Die Grundschullehrerin hatte ihren Eltern empfohlen, Sara aufs Gymnasium zu schicken. Ihre Mutter war sofort dafür gewesen, aber Paul Harmsen wollte das nicht. Ein Mädchen? Wozu denn das? Begabung hin oder her. Es kränkte den Fährmann, dass seine Tochter klüger war als er. Dass sie dauernd die schlauen Wälzer aus der Stadtbibliothek anschleppte und darin las, wo sie ging und stand. Als Mieke Petersen am Fährhaus auftauchte, ließ sich Paul Harmsen nur widerwillig auf ein Gespräch mit der Lehrerin ein. Fast eine Stunde blieben die beiden in der guten Stube. Als sie wieder rauskamen, hatte Mieke den Fährmann umgestimmt, mit ihrer Sturheit und ihrem Scharfsinn, für die sie im ganzen Dorf berüchtigt war.
„Wir brauchen Regen.“ Mieke schaute flussabwärts über das Wasser, dorthin, wo bei dem niedrigen Wasserstand ein paar Steine aus dem Fluss ragten. „Sonst läufst du noch auf Grund mit deiner Fähre. Und das Korn vertrocknet uns auf den Feldern.“ Sie deutete mit dem Kopf zum Ufer rüber.
Sara nickte. Der Pegel war schon seit Tagen im kritischen Bereich. Jeden Morgen schaute sie als erstes auf die Markierung an der Kaimauer, und jedes Mal war der Wasserspiegel ein Stück weiter gesunken. Der einzige Vorteil des niedrigen Pegels war, dass keine Motorboote mehr fuhren. Es war ruhiger geworden auf dem Fluss.
Mieke räusperte sich und warf ihr einen Seitenblick zu. „Es wird sich wie ein Lauffeuer in Erlengrund rumsprechen, dass die Fähre heute nicht rechtzeitig gefahren ist. Darauf kannst du Gift nehmen.“
Sie hatte ja recht. Kowalsky würde es genüsslich rumerzählen und würde damit Öl ins Feuer der Brückenbefürworter gießen. Sara folgte Miekes Blick bis zu der Stelle, wo die gemächliche Strömung, durch die ihre Fähre glitt, in ein Rauschen und Gurgeln überging, weil sich das Flussbett hier verengte. Nadelöhr, so hatte ihr Vater diese Stelle immer genannt. Genau dort, an der schmalsten Stelle des Flusses, wollte die Gemeinde eine Brücke bauen. Oder besser gesagt: Ein Teil der Gemeinde wollte das. Alexander Ahlhausen gehörte zu diesem Teil, der Ortsbürgermeister von Erlengrund. Genauso wie Felix Kowalsky und die Leute vom Verein ProBrücke. Seit Jahren drängten sie darauf, dass Sara das dreieckige Landstück verkaufen sollte, das direkt an das Nadelöhr angrenzte und das für die Brücke benötigt wurde.
Mieke räusperte sich. „Du weißt, dass ich auf deiner Seite stehe, Schätzchen.“ Sie tätschelte Saras Arm. „Die Fähre, das Haus, dein Land, das wäre alles nicht mehr dasselbe, wenn hier eine Brücke hinkäme. Seit vier Generationen betreibt deine Familie die Fähre. Das gibt man nicht mal so eben auf. Es ist dein Leben. Und es ist dein Broterwerb. Außerdem wäre diese Brücke ein Fluch für unser Dorf und kein Segen, wie sie es uns einreden wollen. Tourismus soll sie bringen, dass ich nicht lache. Erlengrund braucht keinen Tourismus. Erlengrund braucht seine Ruhe. Das Ganze ist ein Millionengrab. Und das in Zeiten, in denen das Geld an allen Ecken und Enden fehlt.“ Sie schüttelte den Kopf.
Sara war froh, Mieke so reden zu hören.
„Du meine Güte, was war der Kowalsky eben auf hundertachtzig“, fing Mieke wieder an und schüttelte den Kopf. „Weißt du, was er gesagt hat?“ Sie beugte sich vor. „Er hat gesagt: Es kann doch nicht sein, dass eine einzelne Frau die Brücke für ein ganzes Dorf verhindert. Enteignen müsste man die, hat er gewettert. Er wollte mit Bürgermeister Ahlhausen sprechen.“
Sara schoss das Blut ins Gesicht. Was fiel diesem Idioten ein? Es war ihr Land, es war ihre Entscheidung. Und wenn die Leute keine Lust auf ihre Fähre hatten, dann mussten sie ja nicht damit fahren. Dann konnten sie die Brücke in Niederbreden nehmen, fünfzehn Kilometer flussabwärts. Sollten sie ihre Brücke doch bauen, wo sie wollten, aber nicht hier.
„Mach dir nicht zu viele Gedanken wegen Kowalsky“, raunte Mieke ihr zu, als sie schon fast das andere Ufer erreicht hatten. „Der bellt, aber der beißt nicht. Viel gefährlicher ist Ahlhausen, vor dem musst du dich in Acht nehmen. Der will sich mit dieser Brücke ein Denkmal setzen. Ich sehe den Schriftzug schon vor mir: Bürgermeister-Ahlhausen-Brücke.“
Sara nickte, Mieke hatte recht. Kowalsky stänkerte rum, Ahlhausen dagegen hatte politischen Einfluss. Wie auch immer, jetzt musste sie jedenfalls erstmal ins Führerhäuschen und das Anlegemanöver einleiten, damit Mieke Petersen und die anderen Fahrgäste von Bord gehen konnten.
Visionen wecken Als Leon bei Sara auf dem Grünen Mond strandet, fühlt er sich magisch angezogen. Nicht nur von Sara, sondern auch vom Zauber dieses Ortes. Von der schlichten Schönheit des Flusses, vom Rascheln der Lindenblätter, dem Gackern der Hühner, von dem Duft nach selbstgebackenem Brot und dem üppigen Gemüsegarten. Im besten Fall überträgt sich dieser Zauber auf die Leserinnen und Leser und es wird spürbar, dass der Grüne Mond für die Erde steht. Für das Leben auf unserem Planteten als ein großartiges Geschenk, ein perfektes Zusammenspiel von glücklichen Umständen, ein unfassbares Wunder. Vielleicht kann die Lektüre von Tage am Fluss das Gefühl nähren: Es ist schön hier, es lohnt sich, unser Leben so einzurichten, dass die Erde auch für unsere Kinder und Enkel noch ein guter Ort ist, es ist die Mühe wert, das Umdenken, den Verzicht, die Achtsamkeit – wenn wir damit dieses Wunder bewahren.
Ich stelle mir vor, wie Leon zu Sara sagt: Wir können es schaffen. Wenn genügend Menschen an genügend kleinen Schrauben drehen, dann werden wir damit irgendwann auch die großen Hebel umlegen. Wie ein Kippeffekt. Jeder noch so kleine Beitrag hilft, jedes Gespräch, jede Kaufentscheidung, jeder Leserbrief, jedes wohl überlegte Kreuz an der Wahlurne. Lasst uns mutig sein, radikal, konsequent. Lasst uns viele sein, lasst und auf die Straße gehen und die Politik auffordern, endlich den Erkenntnissen der Wissenschaft zu folgen. Lasst uns obszönen Reichtum und bittere Armut beenden. Lasst uns Wohlstand neu definieren. Es geht um mehr als ums Überleben. Es geht um eine lebenswerte Zukunft für uns alle. Es geht um alles.
Die Leichtigkeit der
Wasserläufer
Die Leichtigkeit der Wasserläufer ist die Geschichte der Halbbrüder Mohamed und Lukas. Der eine ist ein begnadeter Schwimmer, der andere ist überzeugter Nichtschwimmer. Die beiden finden sich unausstehlich. Als sie auf eine Spur ihrer verschollenen Mutter stoßen, begeben sie sich mit einem Nachkriegsmotorrad auf eine atemberaubende Suche, die sie vom Sauerland bis nach Norderney führt. Am Ende bringt Mohamed seinem Bruder in der Nordsee das Schwimmen bei.

Der Autor auf den Spuren von Mo und Lukas – mit dem Roller von Schmallenberg nach Norderney
Der Inhalt von Die Leichtigkeit der Wasserläufer: Mo ist der Sohn eines somalischen Flüchtlings. Er macht eine Zimmermannslehre und lebt in Berlin. Lukas ist Computerfreak und lebt mit seinem Vater in einer verwahrlosten Villa im Sauerland. Mo und Lukas wissen nichts voneinander. Und doch sind sie untrennbar verbunden, denn sie haben dieselbe Mutter. Diese Mutter ist spurlos verschwunden.
Als Mo ein Brief seines Vaters in die Hände fällt, erfährt er von Lukas. Mit dem alten Motorrad seines Vaters fährt er von Berlin ins Sauerland, um Lukas zu suchen. Zwei Welten prallen aufeinander, es rumpelt ganz gewaltig zwischen den beiden, und es dauert eine Weile, bis sich Lukas und Mo zusammengerauft haben.
Doch dann spielt ihnen der Zufall eine Spur ihrer Mutter in die Hände und die ungleichen Brüder machen sich mit dem Motorrad auf die Suche. Auf ihrem turbulenten Roadtrip überfallen sie aus Versehen eine Bank (ohne dabei Geld zu erbeuten), sie schreiben Gedichte (ohne davon sentimental zu werden), sie übernachten auf einem Friedhof (ohne vor Angst zu sterben). Und immer wieder verpassen sie ganz knapp ihre Mutter.
Nach einem wahren Kaleidoskop skurriler, amüsanter und aufregender Erlebnisse, erreichen sie Norderney, die Insel, auf der ihre Mutter geboren wurde. Hier lüften sie endlich ihr schreckliches Gehemnis und verstehen, warum ihre Mutter vor ihnen davonläuft.
Die drei Hauptschauplätze des Buches: Berlin, Sauerland, Norderney:
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Die Leichtigkeit der
Wasserläufer
1.
Der achtzehnte Jahrestag von Mams Verschwinden fiel auf einen Mittwoch. Es war einer dieser Tage, an denen ganz Berlin die Frühlingsluft in die Lungen einsog wie eine berauschende Substanz. Der Flieder blühte wie verrückt, die Frauen trugen Sommerkleider, auf der Treppe vor Habibs Eckladen räkelte sich die Katze in der Sonne. Und ich lehnte im fünften Stock am offenen Fenster und schaute aus meinem Zimmer runter auf die beschissene Idylle da unten, auf dieses falsche Grinsen, das die Welt aufgesetzt hatte. Selbst die schäbigen Mietshäuser auf der anderen Straßenseite versuchten in der Nachmittagssonne den Anschein zu erwecken, sie wären frisch gestrichen. Von mir aus hätte es regnen können. Aber an Regen war nicht zu denken. Der Himmel strahlte in einem verlogenen Märchenblau.
Mit einem Seufzer warf ich mich auf mein Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Es war seltsam still in der Wohnung. Längst hätte Babas Stimme aus der Küche herüberklingen müssen, sein schiefes und inbrünstiges Singen, während er irgendwas für uns brutzelte. Wo zum Teufel steckte er? Warum war er noch nicht zurück, ausgerechnet heute! Ich mochte Babas Lieder, auch wenn ich kein Wort davon verstand. Wenn Baba Somaliyaay toosoo schmetterte, oder Lei lei, dann strömte ein wehmütiges Ziehen durch meine Brust, eine schmerzhafte Sehnsucht nach einem Ort, den ich gar nicht kannte. Aber statt Babas ergreifendem Gesang wehte heute nur das Brummen des Verkehrs durch das offenen Fenster herein und vermischte sich mit dem Pochen hinter meiner Stirn.
Meine Kopfschmerzen hatten in der U-Bahn angefangen, kurz nach dem Kottbusser Tor. Ein paar krakeelende Typen waren zugestiegen, sie waren zu dritt gewesen und hatten schon nach Ärger gerochen, als ich sie am Bahnsteig gesehen hatte. Nach dem langen Tag in der Zimmerei war ich verschwitzt und müde, irgendein Stress mit ein paar grölenden Kartoffeln war das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte. Ich spielte mit dem Gedanken, auszusteigen und den Rest des Wegs zu laufen, aber da ragten sie schon neben mir auf wie eine Schlechtwetterfront. Zurück nach Afrika wollten sie mich schicken. Ich starrte aus dem Fenster, in meinem Inneren brodelte es.
„Verzieh dich!“, hörte ich sie neben mir. „Na los, verschwinde in dem Drecksloch, aus dem du gekommen bist!“ Am liebsten hätte ich ihnen ein paar in die Fresse gehauen. Aber sie waren zu dritt, und so ließ ich ihr Gepöbel über mich ergehen und fühlte mich, als würde ich durch meinen Sitz in Richtung Erdmittelpunkt gezogen. Als die Bahn vor der Haltestelle Möckernbrücke abbremste, verschwanden sie lachend in Richtung Tür, und ich blieb mit einem Pochen im Kopf zurück.
Ich bin noch nie in Afrika gewesen. Mein ganzes Leben habe ich in Berlin verbracht, ich fühle mich wohl hier. Berlin ist bunt, ein blubbernder Suppentopf, in den das Schicksal von allem ein bisschen was reingerührt hat. Wenn ich will, dann kann ich mich an einem einzigen Tag an den Imbissbuden der Stadt rund um den Globus essen. Ich mag das, dieses Mischmasch aus Sprachen, Düften und Farben auf den Straßen, hier treffen Menschen aus allen Ecken der Erde aufeinander, und jeder noch so schräge Vogel findet seinen Platz.
In den letzten Jahren waren diejenigen lauter geworden, denen diese flirrende Vielfalt nicht passte. Denen es langsam zu bunt wurde, die sich fremd fühlten in ihrer eigenen Stadt. Die meinten, dass da mal jemand gründlich aufräumen müsste. So langsam spürte man auch in Berlin, wie die Stimmung im Land kippte. Wie der Ton rauer wurde. Wir gegen die. Und ich war nicht wir, ich war die. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Und zugleich spürte ich, dass manche Leute Angst vor mir hatten. Immer öfter musste ich erleben, wie die Omis ihre Handtaschen fester hielten, wenn ich neben ihnen an der Ampel stand.
Ein Schmetterling flatterte durch das offene Fenster herein, diese Sorte mit den Augen auf den Flügeln. Er schwirrte an der sonnenbeschienenen Wand über meinem Bett entlang, ganz leicht und leise, so als wäre das Leben ein einziger schwereloser Tanz. Als gäbe es auf dieser Welt keine Arschlöcher, die mich anpöbelten, bloß weil ihnen meine Hautfarbe nicht passte. Was für ein schöner Tag, sagte das bunte Flirren, alles ist wunderbar, alles wird gut, nimm es nicht so schwer.
Es war schwer, verdammt nochmal.
Der Schmetterling ließ sich auf meinem aufgestellten Knie nieder und wippte mit den Flügeln wie eine eingebildete Diva. Dieses Gehabe ging mir auf die Nerven. In Zeitlupe näherte ich mich mit beiden Händen. Als ich ihn fast erreicht hatte, machte ich eine schnelle Vorwärtsbewegung und schloss ihn zwischen meinen gekrümmten Händen ein. Ich spürte, wie er aufgeregt flatterte, wie sein Flattern schwächer wurde, je enger ich den Hohlraum machte, wie es zu einem Rascheln wurde, zu einem Zucken. Als ich die Hände fest aufeinanderdrückte, war da ein Knistern wie von Papier, ein Knacken und Knirschen. Am Ende blieb nichts weiter von ihm übrig als ein paar schwarzbunte Brösel. Ich stand auf und warf sie aus dem Fenster.
Du bist so ein Idiot, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Was kann denn der Schmetterling dafür? Du murkst ein unschuldiges Wesen ab, nur weil dir ein paar Typen in der U-Bahn auf die Nerven gehen? Weil die Welt ungerecht ist? Weil du schlecht drauf bist? Dein Ernst? Zieh lieber dein Trainingsprogramm durch! Bleib endlich mal knallhart dran!
Ich hatte mir Tipps von Holger aus dem zweiten Stock geholt, er hatte mir ein paar Übungen gezeigt. Davon kriegst du Gewichtheberschultern und Oberarme wie ein Boxer, hatte er gemeint. Jeden zweiten Tag hundert Liegestütze, Crunches, Planks, Dips, dazu drei Mal die Woche Lauftraining – das war der Plan gewesen. Das Problem war nur, dass mir dauernd irgendwas dazwischenkam: Baba rief zum Essen, Erhan wollte mit mir im Park abhängen, im YAAM spielte eine angesagte Reggaeband, was weiß ich. Wenn das so weiterging, dann würde mein Körper für alle Zeiten so bleiben, wie er schon immer gewesen ist: lang und schmal und ideal, um wegzulaufen. Aber nicht besonders ideal, wenn es darum ging, sich gegen ein paar Idioten in der U-Bahn zu wehren.
Ab heute würde ich es durchziehen, jeden Tag, ohne Wenn und Aber. Ich zog mein Shirt aus, stellte Takana Zion in voller Lautstärke an und legte los. Zuerst die fünfzig Crunches, dann die Dips und die Planks, ich keuchte und schwitzte, da war ein Brodeln in mir, das mich antrieb, ich ging ab wie ein Hochleistungsmotor.
Als ich zweiundsiebzig Liegestütze hinter mir hatte und noch achtundzwanzig weitere vor mir lagen, klingelte es an der Tür. Ich erstarrte mitten in der Bewegung, die Arme gestreckt, ein Schweißtropfen fiel von meiner Nase und landete zwischen meinen Händen auf der Matte. Das war kein gewöhnliches Klingeln. Es war ein Mach-sofort-auf-sonst-gibt’s-Ärger-Klingeln. Wer war das? Bestimmt nicht Baba, der hatte einen Schlüssel.
Ich stellte die Musik aus. Es klingelte noch mal, dann wurde gegen die Tür gehämmert. Auf dem Weg durch den Flur wischte ich mir mit einem Handtuch den Schweiß von Stirn und Brust und hängte es mir über die nackten Schultern.
„Wer ist da?“, hörte ich meine eigene Stimme sagen.
„Warum machst du nicht auf?“, kam es von der anderen Seite zurück. Das war Babas Stimme, erleichtert öffnete ich.
Vor der Tür drängten sich sechs oder sieben Gestalten und umringten ein vorsintflutliches Motorrad. In der Mitte stand Baba, seine Hände ruhten auf dem Lenker. Er sah aus, als hätte er allen Ernstes vor, diesen Schrotthaufen in unsere Wohnung zu schieben. Babas Eskorte bestand aus den üblichen Verdächtigen, die bei schönem Wetter unten im Hof rumhingen und sich wegen irgendwelcher Lappalien an die Gurgel gingen. Natürlich waren diese Lappalien nicht der wahre Grund für die angespannte Stimmung im Haus. Sie bildeten nur die Oberfläche. Darunter moderte ein Morast aus Problemen, ein glitschiger Untergrund, auf dem wir alle lebten und der die Leute nervös machte: Bei dem Einen reichte mal wieder das Geld nicht, andere hatten irgendwelchen Stress mit irgendeinem Amt, oder jemand hatte die Kündigung seines Jobs im Briefkasten gefunden. Und dann war die Zündschnur eben kurz. So friedlich vereint wie jetzt bekam man die Hausbewohner jedenfalls nur selten zu sehen.
Ganz rechts ragten Holger und Tamara auf, die Inhaber von Tamaras Powerhouse, einem runtergekommenen Fitnessstudio irgendwo in Kreuzberg. Vor ihnen stand der winzige Sergio aus der Wohnung neben unserer, genannt: il nano. Er hatte die Augenbrauen bis zum Anschlag hochgezogen, so als müsste ich bei dem Anblick, der sich mir bot, in mindestens Ohnmacht fallen. Links vom Motorrad grinste mir mein Freund Erhan entgegen, der mit seinen Eltern und seiner wahnsinnig hübschen Schwester Hediye in der Wohnung unter uns wohnte. Dahinter funkelten mir aus einem kantigen Gesicht die Augen von Yola entgegen. Sie war Journalistin, fuhr eine Moto Guzzi und wohnte im zweiten Stock auf der rechten Seite. Ganz links stand Saad, der sich immer als Apotheker vorstellte. Dabei war er das schon lange nicht mehr. Er hatte die größten Ohren des Universums. Sie ragten unterhalb der spiegelglatten Glatze aus seinem Kopf wie die Aufhänger für seinen Vollbart, der den Rest seines Gesichts bedeckte.
Die Hausbewohner mussten Baba geholfen haben, das Monstrum in den fünften Stock zu schleppen. Allein hätte er das nie geschafft, die ganzen Treppen rauf. Dafür war dieser Blechhaufen viel zu schwer. Und Baba war zu klein und zu schmal. Er keuchte ja schon wie bei der Besteigung des Kilimandscharo, wenn er mit dem Einkauf vor unserer Tür ankam.
„Sie haben es mir geschenkt, Mohamed“, flüsterte Baba und sah mit aufgerissenen Augen zu mir auf.
Ich verzog das Gesicht. „Baba, bitte.“
Baba wusste genau wie ich es hasste, wenn er mich Mohamed nannte. Alle sagten Mo zu mir, auch mein Vater. Mohamed sagte er nur, wenn er mit mir schimpfte. Oder wenn er mir etwas ganz und gar Unglaubliches zu erzählen hatte.
„Kannst du dir das vorstellen? Geschenkt. Einfach so. Wir wissen nicht, wem es gehört, haben sie gesagt. Nimm es mit, das alte Ding. Ich habe es den ganzen weiten Weg bis hierher geschoben.“ Auf seinem kastanienbraunen Schädel glitzerten Schweißperlen, unter den Achseln hatten sich dunkle Flecken auf seinem karierten Hemd gebildet.
Schon seit Wochen redete mein Vater von dem roten Motorrad. Er hatte es im Keller der Schule entdeckt, im hintersten Winkel, und hatte sich auf der Stelle unsterblich in das altersschwache Vehikel verliebt. In seinem Kopf hatte sich die Idee festgesetzt, eines Tages mit dieser Maschine zur Schule zu fahren. Baba hatte die Rektorin darauf angesprochen, sie wusste von nichts. Er hatte sämtliche Lehrer damit genervt, die Sekretärin, den Sozialarbeiter, sogar die Leute von der Putzkolonne. Niemand konnte ihm sagen, wo das verstaubte, von Spinnweben überzogene Ding herkam. Natürlich hatte er höflich und vorsichtig gefragt, denn er war ja nur der Hausmeister. Ein Hausmeister, der froh sein konnte, dass er diese Stelle überhaupt bekommen hatte. Dabei hätte er viel lieber als Lehrer an dieser Schule gearbeitet, so wie früher in Somalia. Aber Baba hatte sich damit abgefunden. So wie er sich mit allem abfand. Er nahm Unrecht hin wie höhere Gewalt. Oder wie schlechtes Wetter. Wir müssen es nehmen, wie es kommt, Mo, sagte er immer zu mir. Zufrieden sind die, die auf das schauen, was da ist, und nicht auf das, was fehlt. Dankbarkeit, Mo, das ist der Schlüssel zum Glück!
Was für ein Bullshit! Mein Vater redete sich schön, was in Wirklichkeit armselig war.
„Mach den Küchentisch frei, Mo“, sagte Baba mit singender Stimme und schob das rote Ungetüm durch die Wohnungstür in unseren Flur. So gut gelaunt hatte ich ihn lange nicht mehr erlebt.
„Leg die alte Plastikdecke auf.“ Er bog mit der Maschine nach links in Richtung Küche, die anderen Hausbewohner folgten ihm in einer erwartungsfrohen Prozession. „Und zieh dir was an.“
Der bunte Haufen versammelte sich in unserer winzigen Küche und bestaunte die Maschine, die wir auf dem Küchentisch aufgebockt hatten. Es war so voll, dass sich die Wände nach außen bogen.
„Schöne Maschine.“ Holger beugte sich über das Motorrad und strich mit seiner Pranke zärtlich über den roten Tank.
Neben ihm stand Tamara. Sie hatte die Arme unter ihrem Wahnsinnsbusen verschränkt und musterte das Motorrad skeptisch. „Guck mal, der ganze Dreck und die Spinnweben“, knurrte sie verächtlich und schüttelte den Kopf. „So was gehört in den Keller, aber doch nicht auf den Küchentisch.“
Ich lehnte neben Erhan an der Fensterbank. Von der Seite raunte er mir zu: „Mann, ihr habt vielleicht ein Scheißglück. Ein Motorrad. Wieso schenkt mir keiner ein Motorrad? Das ist so unfair, Alter!“
„Wenn Baba die Kiste zum Laufen kriegt, dann nehme ich dich vielleicht mal hintendrauf mit“, raunte ich zurück und klopfte Erhan auf die Schulter.
„Das wäre cool.“ Erhan stieß mich mit dem Ellbogen an. „Stell dir das mal vor, Mann: Wir kreuzen mit diesem Gerät vorm YAAM auf!“ Er hatte die linke Augenbraue hochgezogen.
Ein Motorrad, das war schon lange mein Traum. Vor einem Jahr hatte ich meinen Schein gemacht, direkt nach meinem Achtzehnten. Und einen Helm hatte ich auch schon. Er war mattschwarz und zwei Nummern zu groß, weil er sonst nicht über den Berg aus schwarzen Locken gepasst hätte, der in alle Richtungen von meinem Kopf abstand.
„Ein Haufen Schrott ist das, mamma mia“, säuselte Sergio mit seiner hohen Stimme und schüttelte bekümmert den Kopf. „Kannst du gleich ins Museo bringen. Oder zum Schrottplatz.“
„Blödsinn“, widersprach Baba und tätschelte den vorderen der beiden Gummisättel, als läge er auf dem Rücken eines edlen Rennpferdes. „Die Maschine mache ich wieder flott, ihr werdet schon sehen. Ich habe schon ein paar Ideen, wie ich dieses Prachtstück zum Laufen kriege. Als Erstes werde ich mir mal den Vergaser vornehmen.“
„Wie jetzt?“ Yola zog die Stirn kraus und sah zwischen Baba und mir hin und her. „Du willst die Maschine hier in der Küche reparieren? Was sagst du denn dazu, Mo?“
„Ist schon okay.“ Damit konnte ich leben. Hauptsache, ich durfte sie hinterher fahren.
Yola schnaubte und sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Ich mochte sie. Vielleicht wegen ihrer Moto Guzzi. Oder wegen der Augen, die in ihrem dunklen Gesicht funkelten wie zwei helle Sterne. Was weiß ich?
„Guck mal.“ Yola strich ihre schwarzen Locken zurück, beugte sich vor und inspizierte das geprägte Messingschild am Tank. „Das ist eine Miele. Genau derselbe Schriftzug wie an meiner Waschmaschine. Aber ein Motorrad von Miele? Die Karre muss uralt sein.“
„Seht euch das hier mal an.“ Baba setzte seine Lesebrille auf, steckte seinen Kopf halb unter den Tank der Maschine und zeigte auf das Typenschild. „Hersteller: Miele-Werke. Baujahr 1954. Mo, dein Großvater ist 1954 zur Welt gekommen. Mein Vater – Allah sei seiner Seele gnädig. 1954, das ist ein guter Jahrgang.“
Es klingelte an der Tür, es war Hassan, Erhans Vater. Er wollte seinen Sohn zum Essen holen. Dann sah er die Maschine und hatte augenblicklich vergessen, weshalb er gekommen war.
„Wie schnell fährt die denn?“, wollte er wissen, und alle versuchten, einen Blick auf den Tacho zu erhaschen, der in den rot lackierten Scheinwerfer eingelassen war. Sergio stellte sich auf die Zehenspitzen, Holger dagegen musste sich runterbeugen und stieß dabei ein herablassendes Grunzen aus: „Neunzig Sachen. Bisschen lahm, oder?“
Kurz darauf hatten sich auch noch Aylin, Erhans Mutter, und die schöne Hediye in unsere Küche gequetscht, nun waren mehr Bewohner dieses Mietshauses in unserer Küche versammelt als je zuvor.
Saad zwirbelte an seinen Bartgestrüpp herum und setzte einen Kennerblick auf. „Du verplemperst deine Zeit“, sagte er zu meinem Vater. Er wies mit dem Kopf auf die Maschine. „Glaub mir, die Karre ist am Ende.“
Hassan schnaubte verächtlich. „Und das kannst ausgerechnet du beurteilen? Ein Apotheker aus Damaskus.“
„Jedenfalls besser als du.“ Saad funkelte Hassan böse an.
Hassan spuckte einen türkischen Fluch aus, daraufhin hätte sich Saad beinahe auf ihn gestürzt. Wenn nicht Aylin dazwischengegangen wäre.
„Hört auf damit“, fauchte sie. „Sofort!“ Sie warf Saad und Hassan strenge Blicke zu. Es war immer dasselbe: Die beiden gifteten sich bei jeder Gelegenheit an, irgend so ein Ding zwischen Türken und Syrern.
Yola räusperte sich. „Ich glaube, du kriegst das hin.“ Sie klopfte Baba auf die Schulter. „Wer über das Wasser laufen kann, der kann auch solche Leichen zum Leben erwecken.“
„Jetzt fang nicht wieder damit an.“ Baba machte eine abwehrende Handbewegung. „Das ist kompletter Blödsinn, ich bin nicht über das Wasser gelaufen. Wenn hier jemand übers Wasser laufen kann, dann vielleicht Mo.“ Er warf mir einen Blick voller Vaterstolz zu. „Barrakuda nennen sie ihn im Schwimmverein. Bei den Meisterschaften schwimmt er allen anderen davon. Die Pokale und Medaillen passen kaum noch in sein Zimmer und wenn er …“
„Baba, du nervst“, unterbrach ich ihn.
Erstens übertrieb er. Und zweitens hatte ich mit den Wettkämpfen aufgehört, als ich zwölf oder dreizehn gewesen war. Baba tat immer so, als wäre ich gerade erst Stadtmeister in tausend Meter Freistil geworden. Dabei war das Jahre her. Ich ging immer noch gerne Schwimmen, Wasser war mein Element. Aber ich hatte keine Lust mehr auf den Schwimmverein.
Für Baba war es eine große Sache, dass ich ein guter Schwimmer war. Vielleicht kam das daher, dass er selbst nicht schwimmen konnte. Das Dorf, in dem er geboren worden war, lag in den somalischen Bergen, eine trockene Gegend im Südwesten des Landes, in der es weit und breit nicht genug Wasser gab, um darin schwimmen zu können. Er hat mir erzählt, dass er manchmal die Wasserläufer in einem Tümpel beobachtet hat, diese Insekten, die so leicht sind, dass sie über das Wasser laufen können. Und dass er sich vorgestellt hat, er wäre selbst eines dieser Insekten und würde einfach über das Meer nach Europa laufen. In ein Land, wo Frieden war. Wo es genug zu essen gab. Dorthin, wo sie an einen Gott glaubten, dessen Sohn über das Wasser gehen kann. Eines Tages hat Baba dann tatsächlich das Mittelmeer überquert, in einem Boot, das voll war mit Menschen, die nicht schwimmen konnten. Viel zu voll. Das Boot sank kurz vor der italienischen Küste, viele sind ertrunken. Baba hat das Unglück auf wundersame Weise überlebt, alle bei uns im Haus kannten diese Geschichte. Sie hat ihm den Beinamen Wasserläufer eingetragen. Und einen Respekt, der ihn zu einer Art väterlichem Oberhaupt unseres Mietshauses gemacht hat. Jemand, den man ansprechen konnte, wenn man einen Rat brauchte oder wenn es mal wieder Stress im Haus gab. Und den gab es reichlich. Zum Beispiel, wenn Hassan unten im Hof vor dem Schlafzimmerfenster von Saad grillte, wenn Holger so heftig mit den Hanteln trainierte, dass das ganze Haus wackelte, oder wenn Sergio Yola verdächtigte, dass sie sich ungefragt das Werkzeug aus seinem Keller geliehen hatte, um ihre Moto Guzzi zu reparieren. Dann wurde erst mal ausgiebig rumgebrüllt, geschimpft und Türen geknallt. Bis sie am Ende bei uns klingelten, damit Baba den Streit schlichtete.
Holgers tiefe Stimme dröhnte durch unsere Küche: „Du musst dir einen Helm besorgen, bevor du die Maschine fährst.“
„Einen Helm habe ich schon, wartet mal.“ Baba drängte sich zwischen den anderen durch und kam kurz darauf mit einem Armeehelm auf dem Kopf zurück. Er sah aus, als hätte er sich einen viel zu großen Kochtopf aufgesetzt.
„Vom Flohmarkt“, sagte er, und alle brachen in schallendes Gelächter aus.
Mitten in dieses Gelächter hinein rief Aylin: „Ach, du meine Güte, das Essen.“ Sie zog Hediye hinter sich her und quetschte sich an Holger und Baba vorbei. Aus dem Flur rief sie: „Hassan, Erhan! Kommt runter, sofort!“
„Viel Glück mit der Maschine.“ Holger schlug Baba auf die Schulter. Dann nickte er Tamara zu und die beiden verschwanden.
Kurz darauf verzogen sich auch Yola, Saad und Sergio.
Josh & Juli
Jakob Joshua Jablonsky hat das (schriftstellerische) Licht der Welt schon vor vielen Jahren erblickt, und zwar als Protagonist zahlreicher Kurzgeschichten in meinem Buch In Flagranti – Sprachspuren und Blickfänge, mit Gedichten, Kurzgeschichten und Fotografien. Nachdem Jablonsky für eine Weile untergetaucht war und schon als verschollen galt, stand der schräge Vogel eines Tages plötzlich wieder vor meiner Tür. Ich freute mich sehr, ihn wiederzusehen und so wurde er – zu meiner eigenen Überraschung – die Hauptfigur meines Romans Josh & Juli – 69 ½ himmelweite Tage.
Der Inhalt von Josh & Juli Der Busfahrer Jakob Joshua Jablonsky sammelt Schirme. Er liebt Gedichte und Salzstangen. Und er liebt Eva. Als Eva ihn hinauswirft, fliegt ihm sein wohl geordnetes Leben um die Ohren und er weiß nicht, wo er hinsoll.
Doch da erreicht ihn ein Brief seines Großvaters: Hör zu, Du Pfeife! Du bist ziemlich am Arsch. Sie haben Dich gefeuert. Und Eva hat Dich vor die Tür gesetzt. Die Sache ist die: Der große Schiedsrichter wird mein Spiel bald abpfeifen und ich werde mir den Rasen von unten ansehen. Ich könnte Dir also meine Bude vermachen. Du kannst dort einziehen – unter einer Bedingung: Ich möchte, dass Du einmal am Tag etwas tust, das Du noch nie getan hast. Überleg es Dir!
Jablonsky hat keine Wahl, und so zieht er in das Sechs-Parteien-Haus ein. Anfangs tut er sich schwer, die Aufgabe des Großvaters zu erfüllen. Doch schon bald findet er Gefallen daran, jeden Tag etwas zum ersten Mal zu tun. Er spricht mit den Affen im Zoo. Er holt mit verbundenen Augen Brötchen. Er besingt die Gemälde einer Ausstellung. Als er im Treppenhaus Juliana Blum begegnet, der Nachbarin mit dem Glockenlachen, läuft er zu Höchstform auf und umwirbt sie mit ungewöhnlichen Mitteln: Er versucht es mit einer Badewannenlesung. Mit einer Erdbeertörtchenschlacht. Mit einer roten Bügelsäge.
Kann er ihr Herz erobern? Immerhin sagt sie Josh zu ihm.
Das tut sonst niemand.
Die Geschichte einer unfreiwilligen Glückssuche wird in einem leisen, beinahe zärtlichen Tonfall erzählt. Verspielter Wortwitz und poetische Wärme färben den Text. Eine kleine Anleitung zum Ausbruch aus dem Alltag. Ein Lob der Fantasie.
Und vor allem: eine Liebesgeschichte.
Obwohl der Roman bislang noch nicht veröffentlicht wurde, sind Auszüge daraus mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden (Nordhessischer Literaturpreis, Mountain Stories Literaturpreis) und in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen. Die Lesungen aus Josh & Juli machen immer großen Spaß, weil ich dabei in aller Regel ein schmunzelndes, grinsendes, kicherndes Publikum vor mir sehe, in dessen Köpfen ganz offensichtlich die Frage kursiert, was man denn in seinem Leben mal tun könnte, das man noch nie getan hat. Und warum man nicht schon längst damit angefangen hat.
Reinlesen? HIer klicken und Leseprobe öffnen!
Josh & Juli
69 1/2 himmelweite Tage
- Tag – Die Linie
Jakob Jablonsky stellt den schwarzen Rollkoffer auf dem Bürgersteig ab und blickt an der Fassade des Altbaus hinauf. Ein Schweißtropfen läuft ihm den Rücken herunter, es ist zu viel warm für die Anzugjacke und die graue Schirmmütze. Da oben rechts, das sind die Fenster seiner neuen Wohnung, zweiter Stock, Südseite, Blick über die große Kreuzung. Sein Schulweg führte hier entlang, Geschwister-Scholl-Gymnasium, mehr als zwanzig Jahre ist das her. Die Kebabbude an der Ecke ist neu, der Matratzenladen auch. Was seine Mutter wohl sagen wird, wenn sie erfährt, dass er wieder in der Stadt ist?
Das Haus kommt ihm feindselig vor, die Fenster sehen düster und abweisend aus. Aber das ist ja auch kein Wunder. Wenn man der unglücklichste Mensch des Universums ist, dann sieht eben alles düster und abweisend aus. Sogar dieses Haus, das ihn immer einladend und freundlich empfangen hat, wenn er seinen Großvater hier besuchte.
Jablonskys Unglück heißt Eva, ist eins dreiundsechzig groß, haferblond und Lehrerin an einer Grundschule. Sie hat gesagt, dass es ihr leidtut. Was ja wohl das Mindeste ist, schließlich ist sie schuld daran, dass ihm sein Leben um die Ohren geflogen ist. Es war ein gutes Leben. Ein Leben, in dem alles klar und geordnet verlief, in dem es zum Frühstück Toastbrot und Ostfriesentee gab, in dem er sich um sechs Uhr dreißig ins Cockpit seines Niederflurbusses gesetzt hat, um die Tour der Linie 23 abzufahren, in dem es das abendliche Zupfen und Hacken im Garten des kleinen Reihenhauses gab, den Sommerurlaub am Wörthersee und den Weihnachtsbaum mit den Glaskugeln. Natürlich könnte man sagen: Es war immer dasselbe. Eva hat ihm das manchmal vorgehalten. Bei ihrem letzten großen Streit brach unvermittelt ein Satz aus ihr heraus, den er nicht vergessen kann: Du bist so unscheinbar wie ein Schluck Wasser im Meer. Und dann sagte sie noch etwas: In einem Raum mit anderen Menschen, einem Aufzug, einem Wartezimmer, oder einem Zugabteil, bist du so gut wie unsichtbar und hinterher erinnert sich niemand an dich. Das hat wehgetan. Hat sie sich deshalb in einen anderen Mann verliebt, war ihr das Leben mit ihm zu gleichförmig? Er jedenfalls mochte das, die Verlässlichkeit, die Vorhersehbarkeit, die Klarheit. Er will sein altes Leben zurück, sein Leben mit Eva. Aber dieses Leben gibt es nicht mehr.
Jakob Jablonsky geht auf die Haustür zu, der Rollkoffer rumpelt hinter ihm über den Bürgersteig. Er zieht an dem goldenen Türknauf, den sein Großvater in all den Jahren sicher unzählige Male berührt hat und tritt durch die schwere Eingangstür. Vor ihm liegen die sieben oder acht Meter Flur, die er von nun an jeden Tag durchqueren wird. Einer der Briefkästen quillt über, auf der Klappe klebt der blauweiße Aufkleber des 1. FC Brambeck. Das ist der Briefkasten seines Großvaters. Gegenüber hängt eine Tafel, auf die jemand mit Kreide geschrieben hat: Sperrmüll am Mittwoch. Es riecht nach feuchten Wänden und nach fremden Menschen.
An dem Tag, als Eva mit ihm Schluss gemacht hat, lag sein Großvater schon im Krankenhaus. Jablonsky hat ihn besucht und ihm erzählt, was passiert ist. Er saß am Krankenbett und sagte Sätze wie: „Was habe ich bloß falsch gemacht? Wie konnte es nur so weit kommen?“
Sein Großvater lag tief in das weiße Kissen versunken und wirkte schmal und verloren. „Das sind die falschen Fragen, Jakob.“ Er schüttelte schwerfällig den Kopf. „Es geht nicht darum, was du falsch gemacht hast. Die einzig wichtige Frage ist, was du daraus machst.“ Seine Stimme klang dünn und brüchig. „Nimm mich, Jakob. Äußerlich bin ich ein alter Mann, faltig, klapprig, kahl. Aber in mir drin finden sich immer noch Reste von Neugier, Lebenslust und eine Spur von Verrücktheit. Bei Dir ist es genau umgekehrt: Du bist gerade mal vierzig Jahre jung, aber in deinem Inneren bist du ein alter Mann, ein bisschen steif, pedantisch und immer in Sorge, dass etwas schiefgehen könnte.“ Sein Großvater richtete sich mühsam aus dem Kissen auf. „Dabei gibt es eine ganz andere Seite in dir, Jakob. Als du ein Junge warst, da warst du verspielt, fantasievoll, träumerisch. Du hattest Sinn für Humor und Poesie. Der schreckliche Unfall hat das alles weggewischt. Du wurdest ernst und schweigsam, es war, als wärst du in wenigen Wochen um Jahre gealtert. Ich habe alles versucht, um dich zu trösten, dich aufzuheitern und dir zu zeigen, dass das Leben weitergeht, aber …“ Er seufzte resigniert. „Natürlich ist es schlimm, dass Eva dich vor die Tür gesetzt hat. Aber in gewisser Weise liegt auch eine Chance darin, Jakob. Alles auf null, du kannst einen ganz neuen Weg einschlagen. Und wer weiß, vielleicht begegnest du unterwegs dem Jungen, der du vor dem Unfall warst.“
Das war das letzte Mal, dass er mit seinem Großvater gesprochen hat, drei Tage später war er nicht mehr da.
Jablonsky steht im Flur und betrachtet gedankenverloren den überquellenden Briefkasten mit dem blauweißen Aufkleber. Er wird ihn leeren müssen, auch wenn es ihm seltsam vorkommt, die fremde Post aus dem Briefkasten zu nehmen. Als er seine Schirmmütze zurechtrückt, knistert in der Innentasche seiner Anzugjacke der Brief seines Großvaters. Er nimmt ihn heraus und schaut auf das beige Kuvert. Der Brief kam am Freitag, eine Woche nach der Beerdigung. Ein Brief von einem Toten. Wer ihn wohl für seinen Großvater eingesteckt hat? Vielleicht einer der sechs Fußballkumpel, die mit ihren blauweißen Schals um den Hals den Sarg getragen haben? Jablonsky öffnet den Umschlag und überfliegt noch einmal die Zeilen, die sein Großvater mit zittriger Hand hingekritzelt hat:
Jakob, mein Junge! Eben warst Du hier bei mir am Krankenbett und hast mir erzählt, was passiert ist. Wie es aussieht, brauchst du dringend eine Wohnung. Die Sache ist die: Der große Schiedsrichter ist gerade dabei, mein Spiel abzupfeifen, und wenn Du das hier liest, werde ich mir den Rasen wohl schon von unten ansehen. Ich könnte Dir also meine Bude vermachen, mit dem ganzen Krempel, der drinsteht. Allerdings knüpfe ich dieses Angebot an eine Bedingung. Ich möchte, dass Du einmal am Tag etwas tust, das Du noch nie getan hast. Ein Jahr lang, jeden Tag, dann gehört die Wohnung Dir. Was das ist, ist mir egal, Hauptsache, du tust es. Und schreib auf, was Du tust. Keine Romane, nur ein paar Stichworte. Solltest Du Deiner Aufgabe nicht nachkommen, wird die Wohnung über meinen Notar verkauft und der Erlös fällt dem 1. FC Brambeck zu. Also, Jakob, Du hast die Wahl. Lebe wohl – Dein Großvater
Mit einem Seufzer steckt er den Brief wieder ein. Etwas, das er noch nie getan hat, einmal am Tag, ein Jahr lang. Er schüttelt den Kopf, nein, das muss nun wirklich nicht sein. Schon gar nicht heute, an diesem schicksalsschweren Tag. Er wird morgen damit anfangen.
Nichts da, meldet sich die Stimme seines Großvaters in seinem Kopf. Auch heute. So schwer ist es doch gar nicht, Jakob. Siehst du das Stück Kreide unterhalb der Tafel? Damit lässt sich was machen. Lass dir was einfallen.
Jakob Jablonsky nimmt das Kreidestück von der Ablage unter der Tafel und dreht es zwischen den Fingern. In einem Leben, in dem sich das Allermeiste Tag für Tag wiederholt hat, musste er sich nicht allzu oft etwas einfallen lassen. Er ist es nicht gewohnt. Soll er ein Gedicht an die Tafel schreiben? Irgendetwas Kurzes von Jandl oder Ringelnatz? Soll er ein Strichmännchen hinkritzeln? Nein, das ist nun wirklich zu albern. Er legt die Kreide wieder weg.
Andererseits braucht er die Wohnung, so ist es nun mal.
Er horcht, es ist still im Haus. Niemand wird ihn sehen. Also schön, er nimmt die Kreide, bückt sich und beginnt, eine weiße Linie auf den gefliesten Boden zu zeichnen. Den Koffer hält er mit der linken Hand, mit der Rechten zieht er die Linie durch den Flur, vorbei an der langen Reihe der Briefkästen. Er hat ein mulmiges Gefühl. Vornübergebeugt schnauft er bei jedem Schritt, als er auf die Treppe stößt, sagt er zu sich selbst: Jablonsky, was machst du denn da? Beschmierst hier den Boden, das geht doch nicht!
Jetzt hab dich nicht so, brummt der Großvater. Es ist doch nur Kreide. Na los, nun mach schon!
Jablonsky seufzt, nach einem kurzen Zögern bückt er sich wieder und lässt das Kreidestück Stufe für Stufe in den ersten Stock hinaufkriechen. Den Rollkoffer trägt er am Griff. Ihm wird warm. Als er auf dem Treppenabsatz nach links abbiegen will, hört er ein Geräusch. Was war das? Ist da jemand im Treppenhaus? Auf keinen Fall möchte er dabei erwischt werden, wie er die Treppe bemalt. Schon gar nicht von Krause, dem schlechtgelaunten Hauswart aus dem Erdgeschoss, dem er manchmal begegnet ist, wenn er seinen Großvater besucht hat. Und auch den anderen Hausbewohnern möchte er lieber nicht über den Weg laufen.
Jablonsky lauscht. Nein, da ist nichts. Halb sitzend, halb kriechend führt er die Linie fort, die Treppe in den zweiten Stock hinauf, zieht den Koffer nach, erreicht den Treppenabsatz und stößt hier auf ein Paar grüne Wanderschuhe, die seiner Linie ein Ende setzen.
Es sind derbe Schuhe, die Waden, die darin stecken, sehen robust aus. Er hebt den Blick, über ihm ragt eine weibliche Person auf, die er noch nie gesehen hat, ein imposantes Gebirge aus üppigen Hügellandschaften, eingehüllt in einen grasgrünen Poncho, auf dem hunderte Gänseblümchen sprießen. Vom Gipfel dieses Massivs strahlt ihm ein rotwangiges Lächeln entgegen.
„Blum“, zwitschert es fröhlich auf ihn herab. „Juliana Blum. Sie sind bestimmt der Neue, nicht wahr?“
Sie streckt ihre kräftige Hand zu ihm herunter.
Er drückt ihre Hand, will sie wieder loslassen, doch Frau Blum hält ihn fest. Etwas Angenehmes strömt aus ihrer Hand in seine – nein, es strömt nicht, es wächst, wie eine Ranke, die seine Haut durchdringt, die sich entlang seiner Venen in seinem Körper ausbreitet, die sein Herz erreicht, es mit Blättern überzieht, mit weißen Blüten und mit einem Duft, der ihn schwindeln lässt.
Juliana Blum sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, er begreift, dass sie seinen Namen wissen will.
„Jablonsky“, stellt er sich vor.
„Jablonsky?“, wiederholt Frau Blum und zieht die Stirn kraus. „Ist das alles? Einfach nur Jablonsky?“
Er nickt. Solange er denken kann, sagen alle Jablonsky zu ihm. Die Kollegen, die Nachbarn, schon in der Schule war das so: Jablonsky, gib ab, du Lusche! Selbst Eva hat ihn so genannt. Und wenn er mit sich selbst redet, dann sagt er: Mensch, Jablonsky, jetzt reiß dich mal zusammen! Nur seine Mutter sagt Jakob zu ihm. Und sein Großvater.
Endlich lässt Frau Blum ihn los. Ihre Augen folgen der weißen Linie. Bestimmt wird sie sich jetzt beschweren. Sie wird ihn fragen, was das soll, sie wird verlangen, dass er das Treppenhaus wischt. Aber Frau Blum sagt nichts. Im Gegenteil, sie nickt anerkennend, so als würde sie ein gelungenes Werk bewundern. Nun fängt sie sogar an zu lächeln. Ihr Lächeln wird immer breiter, und dann bricht ein glockenhelles Lachen aus ihr heraus. Es schallt durch das ganze Treppenhaus. Was hat sie, lacht sie ihn aus? Er will etwas sagen, etwas, das die Sache mit der Linie erklärt, er will aufstehen aus seiner lächerlichen Position auf den Treppenstufen, aber er kann nicht. Wie festgeklebt hockt er da, das Äußerste, wozu er imstande ist, ist ein Griff in seine Jackentasche. Er holt die angebrochene Tüte mit den Salzstangen heraus und hält sie Juliana Blum entgegen.
Sie beugt sich zu ihm herunter und zieht drei Salzstangen aus der Tüte. „Ich wohne über Ihnen.“ Frau Blum deutet mit den Salzstangen nach oben.
Jablonsky bringt ein schiefes Lächeln zustande, sein Kopf ist leer, sein Herz pocht. Vielleicht sollte er sich lieber wieder der Linie zuwenden. Er senkt den Bick, zieht mit dem Kreidestück einen Bogen um Juliana Blums Wanderschuhe und setzt die weiße Linie hinter ihr fort, bis sie die Wohnungstür auf der rechten Seite des zweiten Stocks erreicht.
Jablonsky schließt auf, gerade will er in der Wohnung verschwinden, da macht Frau Blum einen Schritt auf ihn zu: „Sagen Sie, das J“, sie streicht eine Strähne ihrer Goldhaare hinters Ohr und deutet mit ihrem Kopf auf das Namensschild, das sein Großvater für ihn neben der Tür angebracht haben muss, so als wäre ihm längst klar gewesen, dass sein Enkel das Angebot aus dem Brief annehmen würde, „Jakob J. Jablonsky, wofür steht das J?“
Jablonsky wirft einen Blick auf das Schild und schaut wieder zurück zu Frau Blum. „Joshua.“
„Joshua“, wiederholt Frau Blum bedächtig. Sie schmatzt leise, als würde sie seinen Namen abschmecken. Dann sagt sie: „Ich werde Sie Josh nennen.“ Sie nickt bekräftigend. „Also, Josh, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. Ich drehe eine Runde durch den Wald. Von hier aus ist man in zehn Minuten im Grünen.“
Damit stapft sie entlang seiner Linie die Treppe hinunter.
Einen Moment lang steht Jablonsky reglos da, die Begegnung mit Frau Blum klingt in ihm nach wie die letzten Schläge von Sonntagsglocken. Dann schließt er auf und betritt die Wohnung seines Großvaters. Als Erstes macht er die Fenster weit auf.
- Tag – Im Wald
Seltsame Geräusche wecken Jakob Jablonsky, schlaftrunken öffnet er die Augen. Einen Moment lang weiß er nicht, wo er ist. Fetzen eines abstrusen Traums wehen durch seinen Kopf, Eva tauchte darin auf, sie war nackt. Er richtet sich im Bett auf, die Matratze knarzt, sein Kopf tut weh. Das Zimmer kommt ihm fremd vor. Das einzig Vertraute hier ist sein geöffneter Koffer auf dem abgewetzten Ohrensessel. Überall herrscht ein großes Durcheinander, alte Tageszeitungen und Kleidungsstücke liegen herum, Bücher und Zeitschriften stapeln sich. Dazu kommt noch der muffige Geruch, die Spinnweben in den Zimmerecken, die feine Staubschicht, die über allem liegt. Jablonsky sehnt sich nach der kühlen Ordnung seines Schlafzimmers, die ihn bis gestern jeden Morgen empfangen hat.
Über dem Bett hängt ein Druck von Picassos Guernica. Eine blauweiße Fahne des 1. FC Brambeck dient als provisorischer Vorhang. Unter der Zimmerdecke schwebt der Drachen, den sein Großvater mit ihm gebaut hat, als er noch in die Grundschule ging. Jablonsky erinnert sich an den stürmischen Herbsttag, sie hatten den Drachen auf einem Stoppelfeld ausprobiert, dann setzte ein Wolkenbruch dem Spaß ein Ende.
In einem Regal am Fußende des Betts stehen die abgegriffenen Lyrikbände. Jablonsky sieht seinen Großvater vor sich, wie er mit aufgerissenen Augen und mit viel Pathos Gedichte daraus rezitiert: Franz Hohler, Ernst Jandl, Karl Valentin. Wie gerne würde er ihn noch einmal so sehen. Wie gern würde er seine Stimme hören, die dröhnen, säuseln und schmeicheln konnte, wenn er sich mal wieder als großer Magier inszenierte und Zaubertricks für den kleinen Jakob vorführte. Der blaue Kaftan, den er dabei trug, hängt an einem Haken neben der Tür. Unglaublich, was sein Großvater hier alles angesammelt hat. Die Wohnung ist zu voll, Jablonsky würde gern einiges davon in den Keller bringen. Und dann würde er hier mal gründlich saubermachen.
Nun sind wieder die Geräusche zu hören, sie kommen von oben, aus der Wohnung von Frau Blum. Die Geräusche haben etwas Tröstliches. Frau Blum lässt das Wasser laufen, Frau Blum geht hin und her, sie benutzt ihren Staubsauger.
Jablonsky nimmt den Zettel vom Nachttisch und liest noch einmal die Nachricht seines Großvaters, die er gestern in der Küche gefunden hat. Vielleicht waren es die letzten Worte, die er geschrieben hat:
Lieber Jakob, herzlich Willkommen in Deinem neuen Reich. Füll bitte die Postkarte aus und schick sie ab. Viel Glück!
Wie ist diese Nachricht hierhergekommen? Sein Großvater lag ja bis zum Schluss im Krankenhaus. Wer hat sie hier auf den Tisch gelegt, zusammen mit der Postkarte? Die Postkarte sieht förmlich aus, sie ist adressiert an die Notare Ebeler und Söhne, der Text ist vorgedruckt:
Hiermit trete ich, Jakob Jablonsky, das Erbe an, und teile Ihnen mit, dass ich am – es folgt eine kleine Lücke – die Wohnung von Ferdinand Jablonsky bezogen habe. Ich willige in die Vereinbarung ein, mir ist bekannt, dass ich die Wohnung bei Verstoß gegen diese Vereinbarung unverzüglich räumen muss. Darunter eine Linie für die Unterschrift. Jablonsky sitzt im Bett und fächelt sich mit der Postkarte Luft zu. Er seufzt, was bleibt ihm schon übrig? Also trägt er das Datum von gestern ein, 26. Juli, und unterschreibt.
Ein Frühstück wäre jetzt schön, am liebsten mit Toastbrot, so wie immer. Jablonsky steht auf und geht los, um einzukaufen. An der nächsten Ecke ist ein Bäcker. Toastbrot gibt es hier leider nicht, aber Croissants, er kauft Butter und Marmelade dazu, auf dem Rückweg wirft er die Karte ein.
In den Vorräten seines Großvaters findet er schwarzen Tee. Als er kurz darauf beim Frühstück sitzt, fällt sein Blick auf die Fotos an der Wand gegenüber. Ein kleines Mosaik aus gerahmten Erinnerungen. In der Mitte hängt das Hochzeitsfoto seiner Großeltern. Rechts davon mehrere Bilder, die Jakob mit seinem Großvater zeigen, beim Angeln am See, mit einem Bumerang auf einer Wiese, er und sein Großvater mit einem dicken Gedichtband in dem roten Ohrensessel. Jablonsky ist fünf oder sechs auf diesen Bildern. Jedenfalls noch keine sieben. Sein Vater hat die Fotos gemacht, er muss also noch gelebt haben. Vermutlich sind sie kurz vor dem Unfall entstanden.
Er beißt von dem Croissant ab, streicht Butter und Marmelade auf die Stelle und beißt noch einmal ab. Es schmeckt gut. Vielleicht sogar besser als Toastbrot.
Ein weiteres Foto fällt ihm auf, Jakob mit seinen Eltern. Er sitzt auf den Schultern des Vaters, die beiden grinsen wie Verbündete. In den Augen seines Vaters liegt diese seltsame Mischung aus aufrichtiger Zuneigung und abgrundtiefer Melancholie. Seine Mutter schaut zu dem kleinen Jakob auf, in ihrem Blick liegt die Sorge, dass er herunterfallen könnte. Sie sieht aus, wie sie immer ausgesehen hat: streng und ernst.
Jablonskys Blick fällt auf den alten Küchenschrank, der neben der Spüle steht, solange er denken kann. Ein Zettel klebt an einer der kleinen Glasschubladen, in denen sein Großvater Mehl, Zucker und Salz aufbewahrt. In der unruhigen Schrift des alten Mannes steht darauf: STOPP! Auf keinen Fall Öffnen!!!
Hat er den Zettel für ihn dort hingeklebt? Aber warum, was befindet sich in der Schublade aus Glas? Er wird es wohl nie erfahren, denn natürlich wird er sich an die Anweisung halten.
Im offenen Fach des Küchenschranks steht ein Foto seines Großvaters. Er sitzt auf einer Bank und hat beide Hände auf seinen Stock gestützt, das Kinn ruht auf den Händen. Verschmitzt lächelt der alte Mann ihm von dem Foto entgegen. Und?, scheint er zu sagen, hast du dir schon überlegt, wie du heute deine Aufgabe erledigen willst?
Jablonsky nimmt einen Schluck Tee und tupft mit dem Zeigefinger Croissantkrümel vom Teller. Er könnte es sich leicht machen. Er könnte sagen: Ich bin zum ersten Mal im Bett meines Großvaters aufgewacht. Aufgabe erledigt.
So haben wir nicht gewettet, mein Junge, hört Jablonsky seinen Großvater brummen. Fast ist ihm, als würde der alte Mann auf dem Foto den Kopf schütteln. Also schön. Was könnte er stattdessen tun?
In der oberen Etage klappert eine Wohnungstür, die Tür von Frau Blum. Jetzt hallen ihre Schritte durch den Hausflur. Die Begegnung auf der Treppe fällt ihm ein, Frau Blums munteres Lächeln. Der Satz, den sie gesagt hat: Ich drehe eine Runde durch den Wald. Wie lange war er nicht mehr im Wald? Vielleicht fällt ihm dort etwas ein, das er zum ersten Mal tun könnte. Und außerdem wäre es ja möglich, dass ihm Frau Blum über den Weg läuft. Eine schöne Vorstellung. Beschwingt von dieser Idee zieht er die Schuhe an, nimmt die Anzugjacke und die Schirmmütze vom Haken und macht sich auf den Weg.
Frau Blum hatte Recht. Es ist nur ein kurzer Marsch durch ein paar Straßenschluchten, dann liegt der Lärm der Stadt hinter ihm. Er erreicht einen ansteigenden Weg, der sich durch einen lichten Wald aus Buchen windet. Bald verlässt er den Weg, geht zwischen Bäumen hindurch über federnden Waldboden. Als er weit genug von allen Wegen entfernt ist, bleibt er stehen und lauscht. Er ist allein. Und nun? Was könnte er tun?
Ich könnte mich für einen Moment ins Laub legen, denkt er.
Das ist nicht gerade eine große Sache, hört er die Stimme des Großvaters, aber meinetwegen, für den Anfang soll es reichen.
Und wenn es hier Zecken gibt?, fällt ihm ein. Wenn es feucht ist von unten?
Mensch, Jakob, knurrt sein Großvater, stell dich nicht so an.
Jablonsky zögert, mit einigem Unbehagen legt er sich schließlich ins Laub, in die vertrockneten Blätter, die bestimmt voller Staub und Sporen sind, er hält den Atem an. Es raschelt, es ist weich, er schließt die Augen und fragt sich, was er hier eigentlich tut. Es riecht nach Moos und nach Pilzen, nach Vergänglichkeit und nach Wachstum.
Die Jacke wird schmutzig, schießt es ihm durch den Kopf.
Ein Insekt landet auf seiner Wange, vielleicht eine Fliege. Die Fliege macht ein paar Schritte in Richtung Kinn, winzige Fliegenbeine tapsen über seine Haut, es kitzelt. Er bleibt regungslos liegen. Durch das Blattwerk fällt ein Sonnenstrahl auf sein Gesicht, orangenes Licht dringt durch seine geschlossenen Lider, es wird hell und warm. Über ihm wispern tausend Blätter, als wollten sie ihm ein Geheimnis anvertrauen.
Plötzlich muss er an Eva denken. Wenn sie ihn so sehen könnte. Du hast sie ja nicht alle, würde sie mit ihrer belegten Stimme sagen. Warum ist es schief gegangen mit Eva? Waren sie sich zu nah? Oder waren sie sich nicht nah genug? Die Kunst des richtigen Abstands, darin sind die Bäume große Meister. Er schaut hinauf in die Buchen, die um ihn herumstehen, nah genug, um einander Halt zu geben, und weit genug, um einander Platz zu lassen. Was wir von den Bäumen lernen können, denkt er.
Er steht auf und klopft sich die Kleider ab. Einen Moment lang steht er andächtig zwischen all den Buchen, in seinem Kopf flackert eine Leuchtschrift auf:
BAUMSCHULE
- Tag – Der Kaugummi
Jablonsky geht in den nahegelegenen Supermarkt. Er schiebt den Wagen durch die Gänge und legt Salzstangen hinein, Butter, Salami, Eier, Brot. Am Vormittag hat er die Vorratskammer seines Großvaters aufgeräumt. Alle angebrochenen Packungen hat er weggeworfen, all die Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum. Nun will er im Supermarkt eine neue Grundausstattung kaufen, Reis, Mehl, Nudeln und so weiter. Auf dem Weg zur Kasse sieht er zwei Schüler, die an einem Regal mit Süßwaren stehen. Sie nehmen dieses und jenes in die Hand, kichern, legen es wieder weg. Mit einer blitzschnellen Bewegung steckt einer der beiden eine Packung Kaugummi in seine Hosentasche. Der Bengel klaut! Und jetzt? Soll er die beiden ansprechen? Er geht auf sie zu, aber als er das Süßwarenregal erreicht, sind die Jungs längst zwischen den Regalen untergetaucht.
Hast du das gesehen?, raunt ihm sein Großvater zu. Sag mal, Hast du eigentlich schon mal irgendwo was mitgehen lassen?
Das ist verboten, hält er dagegen, dafür kann man einen Riesenärger bekommen.
Ja und?, hört er den Großvater brummen. Sie werden dich schon nicht gleich einbuchten. Nun komm schon!
Er schaut sich um, es ist niemand zu sehen. Vor ihm steht das Regal mit den bunten Süßwaren. Seine rechte Hand löst sich vom Griff des Wagens, nimmt eine Packung Kaugummi. Eingehend betrachtet Jablonsky den farbenfrohen Aufdruck, und dann, ohne dass sein Kopf den entsprechenden Befehl erteilt hätte, tut seine Hand so, als würde sie das Päckchen in den Wagen legen, verbirgt es stattdessen zwischen gestreckten Fingern, fährt in die Jackentasche und lässt die Kaugummis hineinfallen.
Er fängt an zu schwitzen. Schäm dich, Jablonsky! Du hast etwas eingesteckt, das dir nicht gehört. Das Blut schießt ihm in den Kopf, ein Leuchtturm ist nichts dagegen, bestimmt sieht man ihm das schlechte Gewissen auf zehn Meter gegen den Wind an.
Jablonsky geht auf komplizierten Umwegen zur Kasse, aber es scheint ihm niemand zu folgen. Als er die Waren auf das Band legt, pocht ihm sein Puls in den Schläfen.
Hinter ihm schnarrt eine Frauenstimme: „Hey, Sie da!“
Er erstarrt in seiner Bewegung. Langsam dreht er sich um, in den Händen eine Tüte mit Salzstangen und eine Salami.
Juliana Blum aus dem dritten Stock steht hinter ihm in der Schlange. Sie grinst schelmisch, so als hätte sie sich gerade einen kleinen Scherz erlaubt. Hat sie ihn etwa beim Klauen beobachtet? Hat sie ihn gerade mit voller Absicht erschreckt? So eine Frechheit! Mit ihrem roten Hütchen und dem orangegelben Kleid voller tellergroßen Mohnblüten steht sie da, einen halben Kopf größer als er, sie hält einen Einkaufswagen fest und grinst.
Frau Blum beugt sich vor und raunt ihm zu: „Sie sind Anfänger, stimmt’s?“ Ihr Duft umweht ihn. Apfel mit einer Spur von Zimt. „Wenn sie sich weiter so dilettantisch anstellen, dann geht das beim nächsten Mal schief. Der Ladendetektiv hier kann ziemlich unangenehm werden.“
Jablonsky bezahlt, er wartet auf Frau Blum, dann gehen sie zusammen nach Hause. Er mag ihre energischen Schritte auf dem Pflaster, sie wogt neben ihm dahin wie ein farbenfroher Ozeandampfer. Dabei flattert ihr das Mohnblumenkleid um die Beine, das sieht toll aus. Aber dass sie ihm vorhin diesen Streich gespielt hat, das ist wirklich ein starkes Stück.
„Sie können mich doch nicht so erschrecken“, beschwert er sich, als sie an einer roten Ampel warten müssen. „Mir wäre fast das Herz stehen geblieben.“
„Jetzt seien Sie nicht gleich beleidigt, Josh.“ Juliana Blum stupst ihn mit dem Ellbogen an. „Sie müssen entspannt bleiben beim Klauen. Die Schuldgefühle ablegen. Und wenn Sie schon klauen, dann richtig. Eine gute Flasche Wein. Ein Päckchen Kaffee. Aber doch keinen Kaugummi.“
Na toll, die Frau hat vielleicht Nerven. „Hören Sie, ich habe noch nie was geklaut.“
„Wirklich?“ Frau Blum zieht die Stirn kraus. „Na, dann wurde es aber Zeit.“
„Das klingt ja so, als würden Sie dauernd was mitgehen lassen.“ Ist sie etwa eine notorische Ladendiebin?
„Na ja, was heißt schon dauernd?“ Die Ampel springt auf Grün. Frau Blum setzt sich in Bewegung, Jablonsky folgt ihr. „Andere klauen auch. Lohmann zum Beispiel, der ist Profi. Was der aus dem Laden rausschleppt, das ist phänomenal.“
„Lohmann?“ Er nimmt den schweren Leinenbeutel von einer Hand in die andere und sieht Frau Blum von der Seite an. „Wer ist Lohmann?“
Frau Blum bleibt neben einer Litfaßsäule stehen. „Sie wissen nicht, wer Lohmann ist?“ Ein bisschen ungläubig schaut sie ihn an und blinzelt dabei gegen die Sonne. Das steht ihr gut. „Lohmann lebt in der Wohnung neben Ihnen. Er ist freier Journalist, verheiratet, zwei Söhne. Und immer knapp bei Kasse. Ich mag ihn nicht. Lohmann schnüffelt überall rum. Er hat viel mit Ihrem Großvater zusammengesessen.“
Frau Blum wendet sich ab und geht weiter.
Jablonsky muss sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten.
Vor der Haustür bleibt sie wieder stehen. „Also schön, Josh, ich denke, ich sollte es Ihnen erzählen.“ Sie presst die Lippen zusammen und sieht ihn an.
„Was sollten Sie mir erzählen?“
Gerade als Frau Blum loslegen will, kommt ein junger Mann auf sie zu, in der einen Hand eine Sporttasche, in der anderen ein paar Taucherflossen.
„Buon giorno, Frau Nachbarin“, flötet er gut gelaunt und nickt Juliana Blum zu. „Scusi, darf ich mal bitte?“ Er drängt sich zwischen den beiden durch und verschwindet im Haus.
Frau Blum sieht ihm nach. „Das war Francesco aus der Studenten-WG im ersten Stock. Ein sehr netter Mensch. Und verdammt gut in Form, haben Sie das bemerkt? Francesco finanziert sein Studium durch Tauchkurse. Er hat schon ein paar Mal versucht, mich für den Grundkurs zu gewinnen, montags im Hallenbad. Lust hätte ich schon. Tauchen, das ist ein ganz alter Traum von mir.“ Ihr Blick bekommt etwas Schwärmerisches. „Ich finde das eine faszinierende Vorstellung, so viele Meter unter dem Meeresspiegel, mit den Geheimnissen der Ozeane auf du und du.“ Sie seufzt.
Jablonsky gefällt das nicht, dieser Seufzer, dieser Blick, den sie Francesco nachwirft. Er räuspert sich. „Was wollten Sie mir eben erzählen?“
„Ach ja“, sie nickt. „Es geht um ein Gespräch, das ich mitgehört habe. Ich saß im Hof im Schatten der Birke, da hörte ich Lohmann und Ihren Großvater hinten bei dem Papiercontainer reden. Es fiel mehrmals Ihr Name, Jakob, das weiß ich noch genau. Ansonsten habe ich nicht viel verstanden, sie waren zu weit weg. Es klang, als ob Ihr Großvater Lohmann um etwas bitten wollte. Und Lohmann eierte rum, so nach dem Motto: Also, ich weiß nicht, lassen Sie mich drüber nachdenken. So was in der Art. Irgendwas haben die da ausgeheckt. Aber fragen Sie mich nicht, was es war.“
Frau Blum zuckt mit den Schultern. Dann wendet sie sich zur Haustür um und geht hinein.
Jablonsky folgt ihr, der Brief, denkt er, während sie die Treppe hinaufsteigen. Vielleicht hat Lohmann den Brief seines Großvaters eingeworfen, nach seinem Tod.
Vor Jablonskys Wohnungstür bleibt Frau Blum kurz stehen. „Schönen Tag noch, Josh.“ Sie nickt ihm zu, dann steigt sie die Treppe zum dritten Stock hinauf.
Jablonsky steckt den Schlüssel ins Schloss, ein Gedanke flattert durch seinen Kopf, eine verrückte Idee. Nach einem kurzen Zögern stellt er den Einkauf vor der Tür ab, stapft die Treppe runter und klingelt bei der Studenten-WG.
Francesco öffnet ihm mit einem Handtuch um die Hüften, er ist wirklich gut in Form. „Ja, bitte?“
„Der Grundkurs am Montag.“ Jablonsky kratzt sich am Hals. „Wäre da noch ein Platz frei?“
Francesco tritt einen Schritt vor. „Aber sicher.“ Er lächelt erfreut. „Sind Sie schon mal getaucht?“
Jablonsky schüttelt den Kopf.
„Das macht nichts. Kommen Sie um acht Uhr ins Eichendorff-Bad. Badehose, Handtuch, Schwimmbrille. Alles Weitere vor Ort.“ Francesco streckt ihm die Hand hin.
Jablonsky ergreift sie, sie schütteln sich die Hände.
„Va bene.“ Francesco nickt ihm zu. „Dann bis Montag.“
Jablonsky geht rauf und packt seine Tasche aus.
Die Kaugummis wirft er weg. Er mag keine Kaugummis.


